Montag, 17. September 2012

This Ain't California (2012, Dir: Marten Persiel)


"Hä, das war doch jetzt nicht echt!?", sagt die Pummelfee im Kino zu ihrer Freundin, während sie sich krachend zwei weitere Pringles in den Mund schiebt und sich desinteressiert Partypics auf ihrem Handy anschaut (eine traurige, wahre Geschichte).
Tja, war es das? Doku? Fiktion? Mockumentary? Googelt man nach einer Lösung, streiten sich die einschlägigen Blätter darum, wer denn jetzt mehr "Wahrheit aufdeckt". Ich kürze das Ganze mal ab und sage: es ist sowas von scheißegal.
THIS AIN'T CALIFORNIA ist ein Film. Soviel steht mal fest. Und er erzählt eine Geschichte. Eine Geschichte über Freundschaft, Kindheit, Jugend, Sozialismus, vieles mehr und natürlich übers Skateboardfahren. Im Mittelpunkt steht Denis: Chaot, Rebell und Anführer einer Skaterclique in Ostberlin und... mehr will ich gar nicht sagen. Alles weitere, was man hier über den "Plot" zum besten gibt, bringt keinem was. Die, die den Film gesehen haben, wissen es sowieso und die, die ihn noch sehen wollen, werden gespoilert.
Ich kann nur sagen, dass man sich diesen Film unbedingt anschauen sollte. Ein Film, der nicht mit der großen Ideologiekritik um die Ecke kommt, sondern die politischen Umstände an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit in der Welt durch die Augen derer filtert, die zufällig dabei waren und... einfach nur skaten wollten.
Ob diejenigen jetzt tatsächlich dabei waren, ob sie überhaupt existierten oder nur exemplarisch stehen für Personen, die so oder so ähnlich lebten, ist nicht das worum es geht. Wen interessieren verschwimmende Grenzen von Wahrheit und Fiktion, wenn sie technisch und erzählerisch so perfekt verschwimmen, dass auf der Leinwand ein Zeitgeist, ein ganzes Lebensgefühl entsteht, das sich auch noch so dermaßen authentisch anfühlt? Mich zumindest interessiert es nicht. Es beeindruckt mich.
THIS AIN'T CALIFORNIA ist mehr als ein atemberaubend montierter, mit tollem Soundtrack unterlegter und anrührender Film über Freundschaft und Freiheit - er ist vielleicht einer der besten Filme über die DDR überhaupt.
Ob die Pummelfee das auch so sieht, weiß ich nicht. Aber sie hat ja ihre Pringles. Und so verlassen wir beide glücklich das Kino.
Text: Gordon Cole

Singin' in the Rain (1952, Dir: Stanley Donen & Gene Kelly)


"Singin' in the Rain" (der deutsche Titel ist relativ dämlich) - DER Musicalklassiker schlechthin. Und das vollkommen zu Recht. 
Selten wurden die Höhen und Tiefen des Showbiz derart leichtfüßig und unbeschwert dargestellt wie hier - in wunderschön strahlenden Technicolorbildern. Die Choreographien und das Timing der Tanz- und Gesangseinlagen sind einmalig - es ist eine 100 Minuten lang anhaltende Freude, Gene Kelly, Donald O'Connor und Debby Reynolds bei der Arbeit zu bewundern. Die von den dreien ausgehende positive Energie ist unglaublich. 
Wer braucht Jean Dujardin, wenn es Gene Kelly gibt?

Text: Le Samourai

Zabriskie Point (1970, Dir: Michelangelo Antonioni)


Pure Kinomagie: Antonioni inszeniert Hippie-Liebe mitten in der Wüste zur wunderbaren Gitarrenmusik von Jerry Garcia (Grateful Dead) --> http://www.youtube.com/watch?v=z_FNn8LEDnQ 
Ansonsten wird kräftig über Revolution philosophiert und diskutiert, ein Flugzeug gestohlen, bunt angemalt und wieder zurückgebracht, sowie im apokalyptischen Finale Konsumgüter in Zeitlupe zu Pink Floyd in die Luft gesprengt. 
Michelangelo Antonioni schuf mit dieser einzigartigen Hommage an die 68er-Bewegung ein weiteres höchst beeindruckendes Stück Kino und wird für mich immer mehr zum faszinierendsten, bildästhetisch wichtigsten italienischen Regisseur überhaupt.

Text: Le Samourai

Diabolik (1968, Dir: Mario Bava)


Eine Comicverfilmung von Gothic-Horror- und Giallo-Legende Mario Bava? Klingt komisch, ist aber so. Und zwar eine äußerst einzigartige. Over the Top-60s-Psychedelic-Inszenierung, die sogar die alten Bondfilme relativ alt aussehen lässt, dank einem aberwitzigen Plot, toller Besetzung (John Phillip "Pygar" Law als Held und Schurke in einem, einer bezaubernden Marisa Mell, Michel Piccoli und Adolfo "Largo" Celi) und einem traumhaft-swingenden Score von Maestro Morricone. 
Eine 60s-Style-Perle sondergleichen und Bavas unterhaltsamster Film.

Text: Le Samourai

High Noon (1952, Dir: Fred Zinnemann)


„Do Not Forsake Me, Oh My Darling“ 
Ein über alle Zweifel erhabenes, stilbildendes, formvollendetes und absolut zeitloses Meisterwerk mit grandioser Mise-en-scène und legendärem Showdown. Gary Cooper und Grace Kelly sind zum niederknien. 
Mit Sicherheit einer der besten Western aller Zeiten.

Text: Le Samourai

The Avengers (2012, Dir: Joss Whedon)


Normalerweise mache ich ja um Hollywood-Popcorn-Blockbuster einen großen Bogen, und Comicverfilmungen reizen mich an sich auch nicht so sonderlich. Irgendwie hat mich dann heute aber doch die Neugier gepackt, zumal ich den ersten "Iron Man" sehr sehenswert fand. Und was soll ich sagen? FUCKING AWESOME! Zweieinhalb Stunden perfekt inszenierte Unterhaltung, keine absolute No-Brainer-Story, grandiose Fights, tolle Spezialeffekte, der wahnwitzigste Cast seit "Pulp Fiction" und Charaktere mit ansatzweise Profil, "Charakter" und Konfliktverhalten. So und nicht anders sieht der perfekte Blockbuster aus! 
Die beste Comicverfilmung, die ich jemals gesehen habe.

Text: Le Samourai

Werckmeister harmóniák (2001, Dir: Béla Tarr)


Eines ist klar: Béla Tarr versteht sein Handwerk gut. Inszenatorisch ist "Werckmeister harmóniák" über jeden Zweifel erhaben, die 39 Einstellungen sind wunderbar komponiert und von den sechs (?) Kameramännern wirklich beeindruckend festgehalten. Die spärlich eingesetzte Musik von Mihály Vig ist ebenfalls toll und passt hervorragend zur melancholisch-apokalyptischen Stimmung. Doch was nutzt mir das alles, wenn vom Gesehen keinerlei Emotion ausgeht, wenn mich nicht die Bohne interessiert was dort passiert, wenn ich mich in letzter Konsequenz fast zweieinhalb Stunden langweile? Überaus unglücklich ist auch die Entscheidung, ausgerechnet die drei Hauptrollen mit deutschen Schauspielern zu besetzen, sodass diese ungarisch nachsynchronisiert werden mussten und die dadurch nicht vorhandene Lippensynchronität absolut befremdlich und störend wirkt. 
Ein beeindruckender Film, der mich jedoch weitestgehend kalt gelassen hat und für mich nicht das Meisterwerk darstellt, zu welchem er teilweise hochgejazzt wird.

Text: Le Samourai

Freitag, 24. August 2012

Bonjour Tristesse (1958, Dir: Otto Preminger)


Otto Premingers Verfilmung von Françoise Sagans gleichnamigen Roman ist ein absolut fantastisches Werk, welches Stilmittel des klassischen Hollywoodmelodrams mit düsterer Film Noir Optik vereint, sowie erzähltechnisch bereits Parallelen zur ein Jahr später aufkommenden französischen Nouvelle Vague aufweist; kein Wunder, dass Truffaut und Godard mehr als angetan waren von Premingers mitreißenden Tragödie. Die Besetzung ist überragend, jedoch thront die unglaublich bezaubernde Jean Seberg (in ihrem erst zweiten Spielfilm) noch über den ebenfalls fantastisch spielenden "Stars" David Niven und Deborah Kerr. Beeindruckende Performance!
Text: Le Samourai

The Cremator (1969, Dir: Juraj Herz)


Ein inszenatorisches Meisterstück, in dem Schnittkunst, Kamerakunst, Schauspielkunst und Musik eine selten erreichte, unfassbar geniale und hypnotisierende Einheit bilden. Inhaltlich ein ungeheuer wichtiger Film, da er den Holocaust expressionistisch, schwarzhumorig, subversiv thematisiert, ohne aber jemals auf die dämliche Tränendrüse zu drücken (wie z.B. in "Schindlers Liste"). Der fantastische Rudolf Hrusínský verkörpert den Leichenverbrenner Karl Kopfrkingl absolut intensiv-einnehmend und schuf mit seiner Leistung einen der faszinierendsten Filmcharaktere überhaupt.
Text: Le Samourai

I... comme Icare (1979, Dir: Henri Verneuil)


Von der ersten bis zur letzten Sekunde ein absolut meisterhafter Politthriller (dt. "I wie Ikarus") - neben "Z" der wohl beste überhaupt -, der dank seiner hervorragenden, hochspannenden Inszenierung, Yves Montands fantastischem Spiel, seines nach wie vor aktuellen, nachdenklich stimmenden Drehbuchs und zuletzt Ennio Morricones stimmungsvoll-mysteriösem Score auf ganzer Linie überzeugt. Das Ende haut einen vom Sofa. 
Text: Le Samourai

Angel Heart (1987, Dir: Alan Parker)


Mickey Rourke kann schauspielern? Lisa Bonet macht sich nackig? Beide zusammen sorgen für eine der verstörendsten und einfach verdammt besten Sexszenen in der Geschichte des Kinos? Robert de Niro isst ein hartgekochtes Ei, wie man es diabolischer nicht tun kann? 
Wirklich verdammt guter Okkult-Thriller, der alles vereint, was das Genre zu bieten hat.

Text: Le Samourai

David Wants to Fly (2010, Dir: David Sieveking)


Außergewöhnliche, mutige, erstaunliche Doku eines jungen Berliner Filmemachers, der zu der ernüchternden Erkenntnis kommt, dass sein großes Vorbild David Lynch - trotz all seiner herausragenden Leistungen in Film und Fernsehen - ziemlich einen an der Waffel hat. 
Unbedingt sehenswert!

Text: Le Samourai

Brick (2005, Dir: Rian Johnson)


Was für ein kleiner, feiner, erstaunlicher Film. Manchmal genügt wirklich eine eigentlich total simple Idee, um etwas vollkommen Einzigartiges und Ungesehenes zu schaffen. So gelang Regisseur Rian Johnson das Kunststück, einen klassischen 40er-Jahre Film Noir mitsamt Lonely Hero, Murder Mystery, Femme Fatale, expressionistischen, düsteren Bildern und einem wahnsinnig stimmigen Soundtrack im neuzeitigen Highschool-Milieu einer südkalifornischen Kleinstadt anzusiedeln. Und das funktioniert wirklich erstaunlich gut, da neben der tollen, stilsicheren Inszenierung auch Plot und die junge Darstellerriege um Joseph Gordon-Levitt zu begeistern wissen. 
Eine unbedingt sehenswerte, einzigartige Thriller-Perle.

Text: Le Samourai

Montag, 23. Juli 2012

Shame (2011, Dir: Steve McQueen)


Steve McQueen, für mich neben Nicolas Winding Refn und Tomas Alfredson Europas größte Regie-Hoffnung, hat nachgelegt und liefert nach seinem mehr als gelungenen Erstling "Hunger" mit "Shame" einen in allen Belangen ebenbürtigen Nachfolger ab. Der Autorenfilmer brilliert erneut durch ein kluges, recht kompromissloses Buch und durch seine wirklich fantastische Bildersprache. Wie er den leidenden Michael Fassbender Frame für Frame durch das graublaue New York begleitet, ist schlicht und ergreifend große Regiekunst. Handkamerapassagen wechseln sich ab mit schönen Plansequenzen und hervorragenden Standbildern von teilweise mehr als fünf Minuten Länge, in welchen ganz besonders das Talent von Fassbender, Carey Mulligan und Nicole Beharie deutlich wird. 
Meine hohen Erwartungen wurden nicht enttäuscht, "Shame" zählt ganz klar zu den besten Filmen des letzten Jahres.

Text: Le Samourai

Sonntag, 22. Juli 2012

Nelle pieghe della carne (1970, Dir: Sergio Bergonzelli)


Sergio Bergonzelli schafft mit "Nelle pieghe della carne" ("In the Folds of the Flesh") so etwas wie eine Parodie auf das eigene Genre. 
Die Produktion leitet mit einer Reihe von eher skurillen Figuren ein, nur um dann nach etwa halber Laufzeit dem absolutem Anarchismus die Überhand zu belassen. Eine dramatisch unterlegte Auflösung beginnt die Andere zu jagen und Charaktere werden eingeführt, nur um nach kurzer Zeit im Säurebad aufgelöst zu werden. Der ganze Irrsinn wird verwoben mit Flashbacks, die sehr an bestimmte Jess Franco Nazisploitation erinnern und zu allem Überfluss wird auch einer der Haustiergeier noch niedergestreckt. Komplementär dazu werden die sonst eher vereinzelt eingesetzten Stilmittel hier en masse aufgefahren: Reißende Kameraschwenks, Crash Zooms, Kaleidoskop Effekte, unglaubliche Pappmaschee FX und eine auffällig dissonante Untermalung. 
Wäre Matt Groening inspiriert gewesen in einer Simpsons Episode den Giallo zu referenzieren, so ähnlich hätte es wohl ausgesehen. 

Text: FredFuchs

Un gatto nel cervello (1990, Dir: Lucio Fulci)


Lucio Fulci war sich äußerst bewusst, dass er spätestens zu Beginn der 80er für einen Großteil seiner Anhänger lediglich zum Lieferant für möglichst blutrünstigen Inhalt geworden war. 
Somit ist sein "8 1/2" vordergründig ziemlich genau das, was man erwartet. Ein recyceltes Gore-Showreel von und mit Dr. Fulci, extrem in allen Belangen und mit viel Nebel. Darüber hinaus aber auch eine höchst schwarzhumorige, selbstreferentielle Komödie voller Seitenhiebe auf die Mediengewalt-Debatte - für Fans mehr als sehenswert.

Text: FredFuchs

Soy Cuba (1964, Dir: Mikhail Kalatozov)


Soy Cuba ist einer der stärksten Anhaltspunkte, der verdeutlicht, welche Schätze in den Grenzbereichen der Filmkultur schlummern. Finanziert von der Sowjetunion als reines Vehikel zur Propagierung des Sozialismus liefert Mikhail Kalatozov ein zutiefst humanitäres Stück visueller Poesie. 
Quasi als trojanisches Pferd der Propagandafilme wird das zugrunde liegende Verlangen der Protagonisten nach Freiheit und besseren Lebensumständen bewusst durchsichtig von sozialistischen Parolen und politisch durchtränkter Symbolik maskiert, was dem Film das wunderbar ironische Schicksal der Zensur in der UdSSR und späterer Weihe in den USA bescherte. 
Es entstehen episodenhafte Einblicke, Kurzgeschichten, in denen die Narrative stetig innehält zugunsten von meditativer Portraitierung der Gegebenheiten in einem Land, aufgewühlt durch aufeinanderprallende Ideologien und Revolution. Das Werk ist sich seiner wundervollen Einstellungen und prägnanten mise-en-scene deutlich bewusst und kostet jedes Bild genüsslich aus - mit beispielloser Wirkung. 
Auf technischer Ebene laesst einen der Film perplex zurück, die Komplexität ist schwindelerregend (hier wird die Unterstützung durch ein kommunistisches Land besonders deutlich) und die Kameraarbeit wurde nicht nur mehrfach zitiert (wahrscheinlich am offensichtlichsten 1997 in PTAs "Boogie Nights"), sondern stellt selbst 40-50 Jahre später entstandene, in dem Zusammenhang oft als Vergleich genannte Werke wie "Wings of Desire" oder "The Tree of Life" in den Schatten. 
1964... vor der Zeit von Steadicams und handlichen Kameras, die Leidenschaft zur Ausdrucksform und Experimentierfreudigkeit ist außerordentlich beindruckend und zu jeder Sekunde spürbar; ein Meisterwerk, welches seinen ehemaligen Zweck bereits lange überdauert hat.

Text: FredFuchs
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Filmgeschichtlich, entstehungstechnisch, inszenatorisch, bildgestalterisch: Ein Wunder. 
SOY CUBA, lange in sowjetischen Kellern unter Verschluss und Anfang der 90er von Coppola und Scorsese aus der Versenkung geholt, ist ein UNFASSBARES Meisterwerk russischer Filmkunst, ein historisch einmaliges Zeitdokument, ein Film mit derart atemberaubender Kameraarbeit, wie ich sie in knapp 1600 Filmen zuvor noch nie gesehen habe. Die Plansequenzen, die Kamerameister Sergei Urusevsky 1964 auf die Leinwand gezaubert hat, stellen selbst die herausragenden Arbeiten von Welles ("Touch of Evil", Kamera: Russell Metty), Godard ("Weekend", Kamera: Raoul Coutard) oder Cuarón ("Children of Men", Kamera: Emmanuel Lubezki) mühelos und eindrucksvoll in den Schatten. 

Text: Le Samourai

Network (1976, Dir: Sidney Lumet)


Ein furioses, zynisches Drehbuch, eine staubtrockene, technisch ausgezeichnete Regie (samt Kamera und Montage) und durch die Bank herausragende schauspielerische Leistungen (Faye Dunaway, William Holden, Peter Finch, Robert Duvall) machen "Network" zum besten Lumet neben "12 Angry Men". Ein nach wie vor brandaktuelles, zeitloses, erstaunliches Meisterwerk. 
Throw away your television.

Text: Le Samourai

Montag, 9. Juli 2012

Hugo (2011, Dir: Martin Scorsese)


Großes (modernes) Kino. Größer geht's nicht. 
Eine Ode des vielleicht größten zeitgenössischen Magiers an einen der allerersten Magier und Pioniere dieser wunderbaren Kunstform. 
Die Bilder, die Scorsese hier auf die Leinwand zaubert, lassen einem den Atem stocken, die Magie, Schönheit und auch bezaubernde Einfachheit der Geschichte lassen einen wieder 10 Jahre alt werden. Die letzte halbe Stunde ist schlicht perfekt und eine Offenbarung für jeden Filmfreund. 
Danke Marty, dass du mich erinnert hast, warum ich das Kino so liebe.

Text: Le Samourai

Montag, 2. Juli 2012

Warrior (2011, Dir: Gavin O'Connor)


Es gibt Dinge, die werde ich einem Film nie abkaufen. Dazu gehört ein gut aussehender Physiklehrer mit blondem Trophy Wife und zwei Kids, der wieder in den Mixed Martial Arts-Ring steigt, um sein American Dream-Vorstadthaus vor der Pfändung zu bewahren. Auch sonst ist "Warrior" nach Minute 10 so vorhersehbar wie es nur geht. Und genauso unrealistisch. 
Sieht man aber von der krass pathetischen Machart ab, muss man sagen, dass die Kämpfe - besonders natürlich der Endfight - absolut mitreißend und technisch perfekt inszeniert sind. Und Tom Hardy ist wie immer eine Wucht. Auch Nick Noltes Leistung sticht definitiv heraus, auch wenn er es zu selten zeigen darf. Das an sich starke Familiendrama wird in wenigen Szenen kurz mal ausgesprochen. Amistyle eben, der sich auch hier wieder bei seinen starken Darstellern bedanken darf. 
Insgesamt verschenkt der Film für mich einen Teil seines Potenzials, opfert es dem Showeffekt und erreicht z.B. nicht die Tiefe eines "The Wrestler". Aber "Warrior" bleibt trotzdem ein guter Film mit tollen Hauptdarstellern und super Kampfszenen.

Text: Gordon Cole

Blutzbrüdaz (2011, Dir: Özgür Yildirim)


Überraschung des Jahrtausends! Naja, eigentlich auch nicht. Dass Sido intelligenter ist als Bushido war mir vorher schon klar, und dass sein Ausflug in die Filmwelt weitaus ironischer, stilvoller, "realer", witziger und hörenswerter ist, eigentlich auch. Dennoch bin ich wirklich überrascht, WIE gut sein Film letzten Endes geworden ist. Natürlich bedient das Drehbuch alle erdenklichen Klischees des Genres, aber auf erfrischend augenzwinkernde Art und Weise. Natürlich sind Sido und B-Tight keine Schauspieler, aber es macht trotzdem extrem Spaß, ihnen zuzuschauen. Dies liegt in erster Linie an ihrer unverstellten Authentizität, denn zum Glück wird fröhlich berlinert und alle zwei Sekunden ge"alta"t, anstatt weltfremdes und unpassendes Hochdeutsch zu reden. Der kräftige Tritt in die Major-Label-Ärsche ist wunderbar und war schon lange überfällig. Wenn im Abspann dann Sidos "Geboren um frei zu sein" mit genialem Ton Steine Scherben-Sample erklingt, ist sogar Gänsehautalarm angesagt. 
Sicherlich nur empfehlenswert für Leute, die mit Hip Hop etwas anfangen können (auch dank vieler Details wie Biggy-Platte, DJ Desue-Kurzauftritt, Mikrophon-Nerd-Talk, Hommage an die gulte alte Berliner Battlerap-Zeit und Underground Tapes, etc...) - für mich der beste deutsche Film, den ich seit langer Zeit gesehen habe. Ganz ohne Scheiß!

Text: Le Samourai

Dienstag, 12. Juni 2012

The Red Shoes (1948, Dir: Michael Powell & Emeric Pressburger)


Berauschendes Fest für Augen und Ohren der beiden britischen Leinwandmagier Michael Powell und Emeric Pressburger. Kamera und Schnitt sind wahrlich meisterhaft, die Technicolorbilder traumhaft schön. Kaum zu glauben, dass dieser Film 1948 entstanden ist. 
Die 20minütige Tanzsequenz ist mit Sicherheit das Eindrucksvollste, was das Genre jemals hervorgebracht hat. 

Text: Le Samourai

Freitag, 8. Juni 2012

L'Armée des ombres (1969, Dir: Jean-Pierre Melville)


Ein auf den ersten Blick thematisch ungewöhnlicher Film in Melvilles von Gangster-Noirs dominierten Jahrhundert-Filmographie - auf den zweiten Blick jedoch sein wohl persönlichstes und neben LE SAMOURAI bestes Werk. 
In umwerfenden düster-grau-blauen Eastmancolor-Bildern verarbeitet er nüchtern, inszenatorisch klinisch-sachlich und absolut unpathetisch seine Erfahrungen als aktiver Résistance-Angehöriger zur Zeit der Nazibesetzung Frankreichs. 
Schauspielerisch bis in die kleinste Rolle hervorragend und dank Melvilles herausragend intensiver Regie nervenzerfetzend spannend. Absolutes Meisterwerk.

Text: Le Samourai

Mittwoch, 6. Juni 2012

Sullivan's Travels (1941, Dir: Preston Sturges)


Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass dies mein erster Sturges war. Was für ein Film! 
Großartiges Drehbuch, großartige Dialoge und eine Veronica Lake zum Verlieben. 
Zeitloses, brillantes, intelligentes Hollywood-Autorenkino at its best. Selten balanciert eine Geschichte so genial zwischen leichtfüßiger Slapstick-Komödie und sarkastisch-zynischem Drama. 
Brillant auch die Huldigung der Coens an Preston Sturges, welche in O BROTHER, WHERE ART THOU? nicht nur den imaginären Filmtitel aus SULLIVAN'S TRAVELS benutzten, sondern auch storytechnisch marginale Ähnlichkeiten einbauten, diese jedoch in einen völlig neuen Kontext setzten. 
„There's a lot to be said for making people laugh! Did you know that's all some people have? It isn't much, but it's better than nothing in this cockeyed caravan!“

Text: Le Samourai

The Great Dictator (1940, Dir: Charles Chaplin)


Das alles überragende Werk des größten Komikers der Filmgeschichte. 
Die legendäre Schlussansprache, die vielleicht humanistischsten fünf Minuten der Filmgeschichte - entstanden 1940! 
Die erste Rede, die vielleicht lustigsten fünf Minuten der Filmgeschichte (http://www.youtube.com/watch?v=Z4UhJpviVYg). 
Der Tanz mit dem Globus, die vielleicht faszinierendste Szene der Filmgeschichte (http://www.youtube.com/watch?v=IJOuoyoMhj8). 
Vor Chaplins Talent kann man sich nur ehrfurchtsvoll verneigen. Damals, heute, in 100 Jahren. 

Text: Le Samourai

Stranger Than Fiction (2006, Dir: Marc Forster)



"You don't like cookies? What's wrong with you??"
So einiges ist nicht ganz richtig mit Steuerprüfer Harold Crick, was daran liegen könnte, dass er die real existierende Hauptfigur im entstehenden Roman einer Schriftstellerin mit Schreibblockade ist.
Marc Forster gelingt mit "Stranger Than Fiction" eine sehr schön ausbalancierte Tragikomödie. Zach Helms Drehbuch liefert die titelgebenden schrägen Elemente. Vor allem die einfallsreichen Dialoge stecken voll feinem Humor, der nie zum Selbstzweck verkommt. Ebenso bietet Harolds ereignisloses Leben traurige und wahrhaftige Momente, die die ewige Frage aufwerfen, wie man sein Leben leben will und ob man dafür über seinen Schatten zu springen vermag.
Anmerkung: Will Ferrell kann richtig schauspielern! Ausnahmsweise mal nicht in einer Blödelkomödie zu sehen, muss er sich vor hochkarätigen Nebendarstellern wie Dustin Hoffman und Emma Thompson wirklich nicht verstecken.
Writer's Block und der selbstzerstörerische Kampf der Autors, Konformität und Freiheit, Schicksal und die existenziellen Fragen des Lebens, Verantwortung und Absurdität der Unterhaltungsbranche - viele Parallelen zu Werken wie "Adaptation" werden offensichtlich. Auch wenn "Stranger Than Fiction" dabei nicht die Vielschichtigkeit und Komplexität eines Charlie Kaufman erreicht und am Ende moderatere Hollywood-Töne anschlägt, so ist der Film doch in sich stimmig und vollauf gelungen.
Auf der anderen Seite ist ja wiederum gerade das Ende - und da geben sich "Adaptation" und "Stranger Than Fiction" die Hand - ein ironischer Kommentar zu den Erwartungshaltungen von uns selbst, die man nie alle gleichermaßen zufriedenstellen kann (was auch die Bewertungen hier wieder zeigen) :)
... zum Abspann gibts dann sogar noch Maxïmo Park. Für mich eine richtig runde Sache!
Text: Gordon Cole

Berlin: Die Sinfonie der Großstadt (1927, Dir: Walter Ruttmann)


In "Berlin: Die Sinfonie der Großstadt" nimmt uns der Regisseur Walther Ruttmann mit auf eine 1-stündige experimentelle Reise durch einen Tag im Berlin der 20er Jahre. 
Menschen, Tiere, Züge, Gebäude, Technik und Industrie - die mannigfaltigen Eindrücke des Berlins im Wirtschaftsaufschwung, untermalt von Edmund Meisels Klaviermusik, verschmelzen zu einem audiovisuellen Meisterwerk. Und das aus dem Jahre 1927! 
Gleich zu Beginn kann man Schnittfrequenzen und Tempowechsel bestaunen, die es mit modernen Musikvideos aufnehmen könnten (nur dass sie nicht so nervig sind). Kombiniert mit unzähligen innovativen Kameraeinstellungen und -fahrten wird der Film wirklich zu einem kaleidoskopartigen Trip. Das Berlin der goldenen 20er in all seinen Facetten, die Stadt als lebendiger Organismus. 
Zeitgeschichte, Berlingeschichte, Filmgeschichte. "Berlin: Die Sinfonie der Großstadt" - als Deutschland das visionärste Filmland der Welt und Berlin seine Hauptstadt war.

Text: Gordon Cole

Montag, 28. Mai 2012

J. Edgar (2011, Dir: Clint Eastwood)


Halb klinisch aufbereitete amerikanische Zeitgeschichte aus fünf Dekaden, halb subtile Liebesgeschichte: Clint Eastwood hat zurück zu alter Stärke gefunden und mit J. EDGAR ein wunderbar unaufgeregtes, unprätentiöses Biopic geschaffen, an dem es nichts zu meckern gibt. Wunderbar detailgetreu inszeniert, herrlich anzusehender Low Key Look. Eastwood nimmt sich Zeit, hektische Schnitte sucht man ebenso vergeblich wie einen 08/15-Handlungsverlauf mit sich zuspitzender Spannungskurve. Dafür bekommt man eine nüchtern aufbereitete Geschichtsstunde mit einem differenzierten, wertfreien Einblick in die wichtigsten 50 Jahre des FBI-Gründers und - Direktors J. Edgar Hoover. Leonardo di Caprio spielt absolut grandios und beweist einmal mehr, dass er zu den derzeit besten Schauspielern Hollywoods gezählt werden muss. Das Make-Up-Department leistet ebenfalls beeindruckende Arbeit, der alternde Hoover sieht wirklich verblüffend authentisch aus. 
Slightly unterbewertet - für mich unverständlich. Clint kann's noch immer! 

Text: Le Samourai

Exit Through the Gift Shop (2010, Dir: Banksy)


Endlich habe ich mir den Film, der einige meiner Kollegen in den letzten Monaten doch stark inspirierte, noch mal in Ruhe und komplett angesehen :)
EXIT THROUGH THE GIFT SHOP ist ein bunt bemaltes Überraschungsei: der Film liefert einen informativen und interessanten Blick in die Street Art Kultur, nimmt sich mit der Erschaffung der fiktiven Figur Thierry Guetta selbst auf die Schippe und verteilt gleichzeitig ironische Seitenhiebe auf all die Schaumschläger, die diese Szene zwangsläufig mit sich bringt.
Vor allem aber ist der Film in seinem doppelbödigen Doku-Mockumentary-Mix ein völlig neues und eigenständiges kreatives Werk. Das ist es auch, was letzten Endes den wahren Künstler für mich ausmacht: nicht nur auf Trendzüge aufspringen, nicht nur über Sellout meckern, sondern weitergehen. Neues erschaffen. Und das tut Banksy mit diesem Film. Dabei kann man als Zuschauer zu keinem Zeitpunkt sicher sein, ob man nicht gerade wieder voll verarscht wird. Ich persönlich finde das super. Die berühmte Frage "Ist das Kunst oder kann das weg?" kann ich im Falle von ETTGS eindeutig beantworten: Das ist Kunst. Das sollte bleiben.
Text: Gordon Cole

Freitag, 25. Mai 2012

Cet obscur objet du désir (1977, Dir: Luis Bunuel)


Das letzte große Werk des einflussreichsten und bedeutendsten Surrealisten der Filmgeschichte. Einmal mehr demaskiert Luis Bunuel hintersinnig schwarzhumorig und ironisch bourgeoise Verhaltensmuster und den Kampf der Geschlechter. Fernando Rey ist großartig als liebestoller, frustrierter Geschäftsmann, dessen Reichtum komplett wertlos ist im Kampf um die Gunst des Objektes der Begierde: die verführerische Angela Molina und die unterkühlte Carole Bouquet, welche die zwei "Seiten" der Weiblichkeit ebenso hervorragend mimen. 
Ein nach wie vor ebenso interessantes wie erstaunliches Meisterwerk und einer von Bunuels allerbesten Filmen.

Text: Le Samourai

The Descendants (2011, Dir: Alexander Payne)


Schon irgendwie traurig, dass der Oscar bei Grinsekatze Dujardin im Regal steht, anstatt - wohlverdienterweise - beim guten George. Exzellente Performance, eine seiner besten überhaupt, feinfühliges Script, bedächtige Inszenierung - sieben Jahre nach dem ebenso tollen SIDEWAYS gewinnt Alexander Payne erneut auf ganzer Linie.
Text: Le Samourai

Mittwoch, 23. Mai 2012

The Royal Tenenbaums (2001, Dir: Wes Anderson)


Da das beste ja bekanntlich zum Schluss kommt, habe ich mir den von Fanseite oft als "besten Anderson" betitelten ROYAL TENENBAUMS auch als krönenden Abschluss meiner Werkschau aufgehoben. Und was soll ich dazu noch groß sagen? Dass ich Anderson für den außergewöhnlichsten, eigensinnigsten Filmemacher unserer Zeit halte, dürfte ja schon bekannt sein. Dass seine Filme allesamt zu den feinfühligsten, skurrilsten, einfach schönsten zeitgenössischen Tragikomödien gehören, hat er ja jüngst mit dem fantastischen MOONRISE KNGDOM erneut bewiesen. Doch keines seiner sechs weiteren Werke ist DERART perfekt wie dieses hier. Derart tiefsinnig und voll essentieller Wahrheit, zugleich aber von bewundernswerter Leichtigkeit und Naivität. Derart kreativ, detailreich und perfektionistisch inszeniert und von einem Ensemble auf die Leinwand gebracht, welches man so noch nie gesehen hat und wohl auch nie wieder sehen wird. 
Wes Andersons Opus Magnum und einer der fünf besten Filme des neuen Jahrtausends.

Text: Le Samourai

Montag, 21. Mai 2012

Moonrise Kingdom (2012, Dir: Wes Anderson)


Wes Anderson erschafft einmal mehr (s)ein eigenes neues Genre und revolutioniert es auch direkt nach allen Regeln der Kunst. 
MOONRISE KINGDOM ist ein weiterer erstaunlicher Einblick in ein Paralleluniversum aus Lakonie, unbändiger Kreativität, Skurrilität, formvollendeter Schönheit und tiefgründiger Wahrheit und erhebt Anderson endgültig auf den Thron des außergewöhnlichsten Filmemachers unserer Zeit. 
Wer den wahnwitzigsten Cast des Jahrzehnts (Bill Murray, Edward Norton, Frances McDormand, Bruce Willis, Harvey Keitel, Tilda Swinton, Jason Schwartzman und allen voran natürlich Kara Hayward und Jared Gilman) durch Andersons Wunderland wandern sehen will, kommt um sein neuestes Meisterwerk nicht herum. 
Highlight des Jahres bis jetzt und ich bezweifele stark, dass da noch was annähernd geniales kommen wird. 

Text: Le Samourai

Freitag, 18. Mai 2012

The Girl with the Dragon Tattoo (2011, Dir: David Fincher)


Wahnsinnig guter Thriller vom Genremeister der Traumfabrik. Hollywood as good as it gets, düster (u.a. dank dem grandiosen Trent Reznor), tight geschnitten, wunderbar fotografiert, on point inszeniert, durchweg top besetzt und gespielt. In allen Belangen schlicht und einfach besser als das schwedische "Original" (und sowas sage ich nun wirklich nicht oft!), welches zwar ebenfalls überaus gelungen ist, aber im Gegensatz zu Finchers Frischzellenkur leider nur noch aussieht wie ein besserer Tatort. "Remake" ist auch definitiv der falsche Begriff für diese vollkommen eigenständige, alleine funktionierende Adaption. 
Das vierte Meisterwerk des David Fincher - nach "Seven", "Fight Club" und "The Social Network".

Text: Le Samourai

Donnerstag, 10. Mai 2012

L'uomo senza memoria (1974, Dir: Duccio Tessari)


Giallo-Perfektion Frame für Frame. "L'uomo senza memoria" (dt. Titel: "Der Mann ohne Gedächtnis") ist eine cineastische Offenbarung, ein längst vergessenes Juwel aus der goldenen Zeit des italienischen Thriller-Kinos und das perfekte Paradebeispiel, was dieses tolle Genre so besonders macht - auch für Genreneulinge. 
Duccio Tessari inszeniert bodenständig, on point, beinahe "klassisch", umwerfend stilsicher und schlicht wunderschön. Jedes Bild ist ein Traum, die Geschichte aus den Federn von Mastermind Ernesto Gastaldi intelligent, dicht, hochspannend und mit einigen giallo-typischen Twists gespickt. Die Darstellerriege ist ausnahmslos großartig, neben Luc Merenda geben sich Giallo-Veteranin Anita Strindberg und - man mag es kaum glauben - Senta Berger (grandios!) die Ehre. Letztere kann man im furiosen Finale sogar mit einer Kettensäge in den Händen bewundern. Was will man mehr? 
Ein viel zu unbekanntes Meisterwerk und definitiv einer der faszinierendsten Gialli ever made!

Text: Le Samourai

Mittwoch, 9. Mai 2012

Perfect Sense (2011, Dir: David Mackenzie)


Einfühlsam, außergewöhnlich, wunderhübsch fotografiert, toll gespielt. Hoffnungsvoll und deprimierend zugleich. Irgendwo zwischen "Blindness" und "Children of Men", aber dann doch absolut einzigartig. "Perfect Sense" ist ein sehr sehr feines leises Drama und definitiv einer der besten Liebesfilme der letzten Jahre.
Text: Le Samourai

Donnerstag, 3. Mai 2012

Il profumo della signora in nero (1974, Dir: Francesco Barilli)


"Il Profumo della signora in nero" ("The Perfume of the Lady in Black") ist eine der gigantischen Ausnahmeleistungen des europäischen Horrorfilms. 
Francesco Barilli führt virtuos Elemente aus verschiedenen Strömungen der damaligen Filmlandschaft zusammen und schafft einen psychologischen Giallo-Genrehybrid, der seinesgleichen sucht. Die Produktion spielt über die gesamte Lauflänge gekonnt mit der verzerrten Wahrnehmung der Protagonistin und hält zugleich die atmosphärische Dichte konstant auf einer Ebene, welche die meisten vergleichbaren Werke, wenn überhaupt, nur punktuell erreichen.
Die Handlung entfaltet sich und die gezeigten Realitäten werden graduell zusammenhangsloser, die ausführenden Elemente verschwinden zunehmend im Hintergrund und räumen dem schleichenden Wahnsinn bis zu den letzten haarsträubenden Minuten stückweise mehr Raum ein. Parallelen zu diversen Schöpfungen Polanskis (Rosemary's Baby, Le Locataire, Repulsion) liegen gewiss auf der Hand, aber den Film darauf zu reduzieren wäre ungemein ignorant, denn Dramaturgie und Inszenierung entwickeln eine vollkommen eigene, sehr absonderliche Sprache. Vornehmlich, da die Regie ihrer Zeit stellenweise beängstigend weit voraus ist und v.a. Schnitt und Sounddesign vereinzelt eine jüngere Produktion suggerieren lassen. In Kombination mit typischen Manierismen der goldenen Zeit des italienischen Horrors entfaltet sich so ein entrücktes, aber dennoch unverkennbar seiner Entstehungszeit verpflichtetes Kunstwerk. 
Das gesamte Design, von Sound bis zu den umwerfenden Sets & Kostümen, ist auf einem ästhetischen Niveau, das nur in dieser Zeit so entstehen konnte, aber auch dann nur ausserordentlich selten erreicht wurde. Ein extrem durchstilisierter Okkulthorror-Albtraum in umwerfendem Technicolor, der zu den brillantesten, formvollendetsten zählt die je entstanden sind, mit Sicherheit!

Text: FredFuchs

Sonntag, 29. April 2012

Volver (2006, Dir: Pedro Almodovar)


Penelope ist umwerfend großartig und Almodovar wird immer mehr zu meinem zeitgenössischen europäischen Lieblingsregisseur. Ein überlebensgroßes Drama, bildgewaltig und einfühlsam, mit dem vielleicht interessantesten, überzeugendsten weiblichen Ensemble der Filmgeschichte. 
Text: Le Samourai

Mittwoch, 25. April 2012

Milano calibro 9 (1972, Dir: Fernando Di Leo)


Ein nahezu überraschend ernstzunehmender und gleichzeitig großartiger Eintrag in die italienische Crime-Sparte. 
Die suspensevolle Inszenierung ist zweifelsohne auf par mit allen großen Produktionen der Generation und stellt knallharten Realismus und eine intelligente Dramaturgie vor überzeichnete Figuren und unbegründete Gewaltdarstellung. 
Die Performance von Gastone Moschin als lakonischer Gangster gefangen zwischen Justiz und krimineller Vergangenheit ist erstklassig, ebenso Mario Adorf, der als einfältiger, unberechenbar roher Lakai eine magnetische Leinwandpräsenz entwickelt; von all den raubeinigen Rollen (in einer Reihe von fantastischen Filmen!) die Adorf besetzen durfte ist diese schauspielerische Gratwanderung zwischen explosiver Gewalt und lächerlichem Stumpfsinn seine Glanzleistung. Darüber hinaus Spaghettigröße Lionel Stander und Giallo-Darling Barbara Bouchet - das Casting ist ohne Ausnahme absolut fantastisch und erhebt Milano Calibro 9 zum Vorzeigewerk des italienischen Gangsterfilms.

Text: FredFuchs

Blue Movie (1978, Dir: Alberto Cavallone)


Blue Movie ist eine extrem absonderliche Erfahrung. Entstanden aus einer Wette mit dem Ziel das Bahnhofskino-Publikum zu verärgern bricht der Film mit allen, für den vermeintlichen Zuschauer bedeutenden Versprechen, ästhetisch wie erzählerisch.
Cavallone, als gelehrter intellektueller, vermag jedoch mehr als die bloße Fehde mit dem Zielpublikum und drückt seine kompromisslose politische Weltsicht tief in eine absolut anarchische Erzählstruktur aus kaum auszumachenden Rückblenden und freistehenden Handlungssträngen. Er entzieht die Narrative jeglicher Charakterentwicklung und objektifiziert den Cast zu reinen Konsumgütern in einem nihilistischen Theater ohne Höhepunkt und ohne Katharsis.
Das Werk ist absolut unklassifizierbar, vorsätzlich so unkommerziell wie nur möglich und steht als gigantischer Mittelfinger gegen alle Zensurbehörden. Blue Movie war der On-Screen Selbstmord eines wütenden Regisseurs; die dramatische Selbstzerstörung des Künstlers in Cavallone (er sollte nach diesem Film nur noch reinen Hardcore produzieren).
Der Film wurde ein finanzieller Erfolg...
Selbst für den interessierten andersartiger Filmkunst ist ein Screening von Blue Movie ein ausserordentliches Erlebnis. Keiner von Cavallones Filmen hat bisher das Medium DVD erreicht und viele seiner Werke sind leider verschollen oder zerstückelt, auch das Originalmaterial zu Blue Movie ist mit einer dreckigen Mischung aus Super 8 & VHS leider in einem desolaten Zustand.
Text: FredFuchs

Snowtown (2011, Dir: Justin Kurzel)


SNOWTOWN, der schon in Cannes 2011 für Aufsehen sorgte, ist ein eindringliches Drama über die sogenannten 'Snowtown Murders', eine Mordserie, die in den 90er Jahren den Süden Australiens in Atem hielt. Seine herausragende atmosphärische Dichte bezieht der Film nicht zuletzt aus seiner atemberaubenden Kameraarbeit, die durch außergewöhnliche Einstellungen und wunderbare Farbgebung besondere Erwähnung verdient. 
Anders als vergleichbare Serienkiller der Filmgeschichte wie Finchers ZODIAC, entmystifiziert Regisseur Justin Kurzel jedoch seine/n Killer. Durch dessen teilweise nachvollziehbaren Motive (Kindesmissbrauch, Pädophilie) wird es uns Zuschauern dadurch schwer gemacht, ihn wirklich als Monster anzusehen. Stattdessen keimt zweitweise, hauptsächlich zu Beginn des zweiten Aktes, sogar der Eindruck, einen modernen Robin Hood bei seinem Handwerk zuzusehen. Das intelligente Drehbuch trägt zu dieser These mit seiner behutsamen Erzählweise bei, die allerdings in krassem Kontrast zu der gnadenlosen Brutalität steht, mit der die Morde begangen werden. 
Doch SNOWTOWN ist viel mehr als ein Drama über einen Serienkiller. Noch viel angsteinflößender ist die Willenlosigkeit, mit der der junge James Vlassakis seinem Vorbild folgt und diesem wie paralysiert unter die Arme greift. SNOWTOWN ist eine beeindruckende Studie über die soziale Unterschicht, die mit herausragenden Darstellern und deren ausgeprägten naturalistischen Spielstil, ein sehr sehenswertes Stück Indie-Kino ist. 

Text: andyewest88

Sonntag, 22. April 2012

Jane Eyre (2011, Dir: Cary Fukunaga)


So und nicht anders muss eine zeitgemäße britische Romanverfilmung aussehen! 
Wunderbar fotografiert, opulent ausgestattet aber zugleich zurückhaltend inszeniert, toll gespielt von der bezaubernden Mia Wasikowska, dem einmal mehr überzeugenden Michael Fassbender und der glänzend aufgelegten alten Dame Judi Dench. 
Eine für mich in keinster Weise kitschige, sondern einfach wunderschöne Liebesgeschichte ohne Fehl und Tadel.

Text: Le Samourai

Montag, 9. April 2012

Faust (2011, Dir: Aleksandr Sokurov)


Sokurovs Version des klassischen Stoffs von J. W. von Goethe ist ungeheuer bildgewaltige, inszenatorisch höchst beeindruckende, aber zugleich sehr anstrengende und recht schwer zugängliche Kost. Zu Ehren des Originaltextes und der deutschen Sprache allgemein entschied sich der Russe, obwohl er selbst kein Wort Deutsch spricht, den Film in der Muttersprache des Stückes zu drehen - eine mutige, gleichwohl aber die einzig richtige Entscheidung. 
Der Film verfolgt grob den ersten Teil der Tragödie, nur im letzten Viertel werden auch Teile des zweiten Teils behandelt. Sokurov findet - trotz teilweise freier Interpretation des Stoffes - immer tolle Bilder und eine eindrucksvolle Bildsprache. Neben der fabelhaften Ausstattung die größte Leistung des Filmes. 
Definitiv nicht empfehlenswert für Jedermann, man muss sich darüber im Klaren sein, dass man gute zwei - teilweise sperrige - Stunden Literaturverfilmung vor sich hat, wird aber mit einer wirklich eindrucksvollen und gelungenen Visualisierung dieses eigentlich unmöglich zu verfilmenden Stoffes belohnt. 

Text: Le Samourai

Sonntag, 8. April 2012

La Piel Que Habito (2011, Dir: Pedro Almodovar)


Europas zur Zeit vielleicht meisterhafteste Bilderstürmer Almodovar liefert mit "La Piel Que Habito" (dt. Titel: "Die Haut, in der ich wohne") ein berauschendes Arthouse-Thriller-Melodram ab, perfekt durchkomponiert, überkonstruiert, hochstilisiert. Der Film überzeugt durch seine interessante Thematik, die wirklich fantastische Kamera- und Lichtarbeit, die passende musikalische Untermalung und das tolle Spiel seiner Charaktere, allen voran Banderas und der bildschönen Elena Anaya. 
Irgendwo zwischen Frankenstein, "Vertigo" und - teilweise recht offensichtlich - Georges Franjus französischem Meisterwerk "Les Yeux sans visage", aber dann doch einzigartig und unverkennbar Almodovars Handschrift tragend. Ein hervorragender Film.

Text: Le Samourai