Dienstag, 30. August 2011

Z (1969, Dir: Costa-Gavras)


Zu meiner Schande muss ich gestehen, dieses fantastische Meisterwerk (Oscar "Bester ausländischer Film 1970") von Costa-Gavras erst jetzt gesehen zu haben - doch besser spät als nie.
Ein absolut herausragender, äußerst spannender Politthriller (für mich bester Vertreter seines Genres), basierend auf den wahren Ereignissen rund um den erschütternden Mord am griechischen Friedensaktivisten Grigoris Lambrakis 1963, wunderbar gespielt von u.a. Yves Montand ("Wages of Fear"), Jean-Louis Trintignant und Irene Papas, stilsicher und glasklar fotografiert von Nouvelle Vague-Legende Raoul Coutard und famos geschnitten von Françoise Bonnot, der zu Recht einen Oscar für seine Leistung erhielt. Die Filmmusik des griechischen Komponisten Mikis Theodorakis ist wunderbar und lockert die vorwiegend triste, wütende Grundstimmung gekonnt auf.
Zum Glück wurde der Film von einigen mutigen, größtenteils umsonst arbeitenden Filmschaffenden und Schauspielern realisiert, denn die Verwirklichung stand aus Angst vor politischen Konsequenzen auf der Kippe.
Eine ungeheuer packende, erschütternde Geschichtsstunde zu den Themen Demokratie, Meinungsfreiheit, Unterdrückung, politische Korruption und eigentlich Pflichtprogramm für Jedermann. 

Text: Le Samourai

Sonntag, 28. August 2011

Sleuth (1972, Dir: Joseph L. Mankiewicz)


Mein zweiter Mankiewicz (nach ALL ABOUT EVE) - das zweite Meisterwerk.
SLEUTH ist in allen Belangen herausragend und einzigartig. Zwei hervorragende Darsteller, die das für mich sensationellste Duell der Filmgeschichte austragen; das beste Beispiel dafür, wie man ein Theaterstück gekonnt auf die Leinwand bringt. Das Drehbuch ist dermaßen intelligent, die Dialoge dermaßen geschliffen, dass einem regelmäßig die Spucke wegbleibt. Über zwei Stunden Hochspannung und prächtige Unterhaltung, obwohl der ganze Film nur aus Dialog und einem einzigen Schauplatz besteht (der es aber in sich hat!).
Eine wahre Freude für jeden Cineasten, die förmlich nach einer zweiten Sichtung schreit... 

Text: Le Samourai

Le Doulos (1962, Dir: Jean-Pierre Melville)


Zutaten: Wunderbar kontrastreiches Schwarzweiß. Toll geschriebene Charaktere, verkörpert von unsterblichen Leinwandhelden. Jazz. Viel Jazz. Intelligentes Script, mit einigen überraschenden Wendungen. Eine über jeden Zweifel erhabene, göttlich stilsichere Inszenierung.
Ergebnis: Ein weiterer Meilenstein in Melvilles Wahnsinns-Filmographie. Einer der besten Gangsterfilme aller Zeiten. Einer der besten Film Noirs aller Zeiten. Die Definition von "Coolness".
Einfach zurücklehnen und genießen... 

Text: Le Samourai

Samstag, 27. August 2011

Spoorloos (1988, Dir: George Sluizer)


Wow. Mich lässt ja filmtechnisch so ziemlich alles kalt, auch die angeblich "verstörenden" Filme. Zu groß die Distanz zum Gesehenen, zu groß die filmanalytische Herangehensweise. Doch dieses kleine, hundsgemeine, absolut geniale Filmjuwel von unseren Nachbarn aus den Niederlanden hat Seltenes geschafft: Ich bin fix und fertig. Zehn Minuten lang nach dem Abspann auf den Bildschirm starrend, eine Mischung aus traurig, wütend und verwirrt. Als "gewöhnlicher" Thriller gemächlich beginnend, entpuppt sich SPOORLOOS ("The Vanishing") als bitter-bitterböser, blanker Horror. Die letzten paar Minuten haben es dermaßen in sich, dass sich Gelegenheitsfilmschauer und zartbesaitete Gemüter wirklich gut überlegen sollten, gemeinsam mit dem Protagonisten auf die Suche nach seiner Freundin zu gehen.
Die Besetzung ist absolut erstklassig, die Charakterzeichnung brillant, die Inszenierung balanciert perfekt zwischen hypnotisierend gemächlich und nervenzerfetzend verstörend.
SPOORLOOS ist wirklich mal ein Horrorfilm, der die Bezeichnung zu einhundert Prozent verdient hat, denn der Horror entsteht nicht durch stupide Schockeffekte, sondern im Kopf des Zuschauers, während er in die kranke Psyche eines Soziopathen blickt.
Ein Meilenstein des europäischen Kinos und für mich einer der beklemmendsten, spannendsten, einfach besten Filme der letzten 25 Jahre.

Text: Le Samourai

Freitag, 26. August 2011

All About Eve (1950, Dir: Joseph L. Mankiewicz)


ALL ABOUT EVE - für mich mit knappem Vorsprung der beste Film meiner inoffiziellen Trilogie über die Schattenseiten des Filmemachens (ALL ABOUT EVE, SUNSET BOULEVARD, 8 1/2), ein zeitloses, in seiner Aussage immer noch Gültigkeit besitzendes Meisterwerk und vielleicht DER Film mit den für mich intelligentesten und geschliffensten Dialogen aller Zeiten. Mankiewicz' Drehbuch ist göttlich; seine Inszenierung und die Art und Weise, wie er sein meisterhaftes Ensemble um Bette Davis, Anne Baxter, George Sanders, Marilyn Monroe und co durch sein Drama über Ehrgeiz, Rücksichtslosigkeit und Habsucht führt, einmalig. Selten überzeugen der komplette Cast und die damit verbundenen Rollen derart eindrucksvoll.
Die Preisvergabe der Oscarjury 1951 muss mit einigen Kopfschmerzen verbunden gewesen sein, wenn man bedenkt, dass ALL ABOUT EVE und SUNSET BOULEVARD im Rennen waren. Was für ein Jahr! 

Text: Le Samourai

Donnerstag, 25. August 2011

Everyone says I love you (1996, Dir: Woody Allen)


Was für ein toller Film! Woodys Ausflug ins Musical-Genre ist außerordentlich reizvoll und sympathisch, eigentlich unmöglich zu kritisieren oder negativ zu bewerten. Sein Starensemble um Edward Norton, Drew Barrymore, Julia Roberts, Goldie Hawn, Tim Roth, Natalie Portman und Woody himself tummelt sich in New York, Paris und Venedig und führt uns ein die Welt der gut betuchten New Yorker Großfamilie und deren Irrungen und Wirrungen im Beziehungs- und Liebesleben.
EVERYONE SAYS I LOVE YOU ist genauso unbeschwert und leichtfüßig wie Goldie Hawns Tanz gegen Ende - ohne dabei aber die großen Themen Verlust, Vergänglichkeit, Trauer, Schmerz auszugrenzen. Ein Kunstwerk!

Text: Le Samourai

Sonntag, 21. August 2011

Bullets Over Broadway (1994, Dir: Woody Allen)


Ein äußerst sympathischer Film, den man einfach mögen muss. Durch und durch stilsicher inszeniert, entführt uns Woody ins New York der 20er Jahre, der "roaring twenties", beherrscht von Mobstern und deren Bandenkriegen. Doch was passiert, wenn die zwielichtige Mafiawelt auf die Kunst-Boheme des Broadway trifft?! Allens Drehbuch ist schlicht grandios und bietet 90 Minuten lang intelligente Dialogfeuerwerke, geniale Wendungen und Raum für den illustren - aber exzellenten - Cast, sich zu entfalten. Neben John Cusack und der tollen Dianne Wiest geben sich alte Bekannte aus diversen Mafiafilmen und -serien wie Chazz Palminteri, Joe Viterelli, Tony Sirico und Edie Falco die Ehre, ebenso wie Phil Laak-Muse Jennifer Tilly in ihrer wohl besten Rolle.
Ein zeitloses, unbeschwertes Filmvergnügen und einer von Woodys allerbesten...

Text: Le Samourai

Midnight in Paris (2011, Dir: Woody Allen)


Woody is back! Die umtriebige lebende Legende aus New York liefert eines der Kinohighlights 2011 ab, eine wunderbar leichte, romantische, feingeistige Sommerkomödie, die unglaublich Lust auf den nächsten Parisbesuch macht und gleichzeitig für mich sein bestes Werk seit "Match Point" darstellt.
Klar - Owen Wilson ist nicht zu vergleichen mit dem jungen, neurotischen Woody himself, jedoch spielt er überraschend überzeugend und sympathisch und passt perfekt in Allens verträumte Ode an eine der magischsten Städte überhaupt. Die Geschichte ist zu gleichen Teilen erfrischend leicht und tiefgehend poetisch, das lebende Wachsfigurenkabinett um Picasso, Hemingway und Fitzgerald umwerfend komisch. Meine persönlichen Highlights sind definitiv Adrien Brody als Dalí und Adrien de Van als junger Bunuel. Kamera, Setdesign und der wunderbare Soundtrack wissen ebenfalls zu überzeugen und machen MIDNIGHT IN PARIS zu einem absolut sehenswerten, herzerwärmenden Kinogenuss.
Woody is back! 

Text: Le Samourai

Whatever Works (2009, Dir: Woody Allen)


Vielleicht Woodys zynischster, pessimistischster Film - und dank Larry David ein überaus sehenswerter. Dieser verkörpert den misanthrop-pessimistischen Zyniker perfekt glaubwürdig, die Rolle scheint ihm auf den Leib geschrieben. Nach einer ersten überaus starken halben Stunde beginnt das Drehbuch leider etwas zu schwächeln, gegen Ende bekommt Woody jedoch die Kurve. Tolle Drehorte in New York, ein durchaus glänzend aufgelegter Cast und der Woody-typische Jazz-Score mit u.a. Stan Getz und Charlie Byrd machen WHATEVER WORKS zu einem wirklich sehenswerten Allen-Film, der jedoch den Charme seiner früheren Werke etwas vermissen lässt...
Text: Le Samourai

W.R. - Misterije organizma (1971, Dir: Dusan Makavejev)


"WR: Mysteries of the Organism" ist ein sperriges, aber zugleich hochinteressantes, ideenreiches Lehrstück über politische und moralische Zwänge in totalitären Systemen.
In einer formlosen Karambolage aus Dokumentation und sexuellem Fiebertraum werden die Lehren von Wilhelm Reich aufgegriffen; Psychotherapeut, dessen medizinische Schriften von den Nazis, sowie auch der damaligen Regierung seiner Exilheimat, den USA, verbrannt wurden. Der Kern seiner Lehren war das Propagieren von freier Sexualität als Schlüssel zur geistigen und physischen Gesundheit und durch die Umsetzung der Thesen in seinen Therapiesitzungen brach er mit allen geltenden Konventionen.
Mit seinem suggestiven und absolut rücksichtslosen Schnitt verwandelt Dusan Makavejev diesen dokumentarischen Inhalt zu einem kritischen, humorvollen Abgesang auf sozialistische und faschistische Dogmen, indem er Reichs Ideologien mit Propagandamaterial, einer Geschichte über die sexuelle Befreiung einer jungen Jugoslavin und Musicaleinlagen von damaligen Warhol Darstellern auf den Strassen New Yorks kombiniert.
Ein Beweis dafür, dass sich der menschliche Geist und seine Natur nicht auf lange einpferchen lassen. Herrlich subversiv und radikal in seinen Aussagen, sodass der Film im Heimatland des Regisseurs zunächst für 16 Jahre unter Verschluss geriet. Heute ein gefeierters, anarchistisches Kunststück der Avantgarde, welches sich vollkommen dem sexuell und politisch revolutionären Zeitgeist der 68er verpflichtet sieht. 

Text: FredFuchs

Head (1968, Dir: Bob Rafelson)


Selbstreferentielles Abenteuer der für das TV geschaffenen Band "The Monkees".
Auf ihrer zusammenhangslosen Reise durch die abstrusesten Situationen und Kulissen werden zugleich Anti-Kriegs-Thesen wie auch Hollywoodkritik laut, aber schlussendlich vor allem der Sinn der ihrer eigenen Existenz zugrunde liegt, hinterfragt. Eine Entfremdung von ihrem eigenen glattgebügelten Sixties-Pop wird durch die exzentrische Inszenierung von Bob Rafelson und Jack Nicholson deutlich spürbar und somit ging das Werk an den damaligen Fans natürlich vollkommen vorbei.
Ein amerikanischer Kunstfilm, der nur zu der Zeit so entstehen konnte.

Text: FredFuchs

Equinox (1970, Dir: Jack Woods)


Eine Gruppe von Teenagern kämpft gegen satanische Schöpfungen um den Besitz eines magischen Schriftstücks. Auch wenn Drehbuch und Schauspieler kaum klassischere B-Ware sein könnten, hebt sich "Equinox" deutlich von der Masse der mittelmäßigen Produktionen ab.
Eine wundervolle Hommage an die Creature Filme die in den 50ern die Kinosäle überfluteten, schuldet der Film seine Anziehungskraft fast ausschliesslich dem Special-Effects Charme von Dennis Murren und David Allen. Die hier in ihren gemeinsamen Wurzeln erstmals ihrem ausserordentlichen Ideenreichtum und ihrer handwerklichen Kunst freien Lauf lassen konnten, um letztendlich wegweisende Charaktere an der Spitze ihres jeweiligen Fachs zu werden. Allen sollte zum meist engagiertesten Animator seiner Zeit reifen und Murren zum integralen Bestandteil von Industrial Light&Magic, zuständig für Effekte in wegweisenden Projekten von "Star Wars" über "Terminator 2" bis hin zu "Jurassic Park".
Dies erkannte auch Jack Harris, Produzent von "The Blob" (und später den gleichwohl kreativen Erstlingswerken von Landis und Carpenter), der das Potential in der No-Budget Originalversion von 1967 sah und Jack Woods mit der Regiearbeit fuer eine Neufassung beauftragte. Woods, der in den 60ern in allen Ecken von Hollywood herumzugeistern schien (engagiert in verschiedenen Rollen u.a. von Kubrick, Corman und Cassavetes) drehte einige Szenen neu, gab sich selbst eine Nebenrolle und ermöglichte dem Film letztendlich den Zugang zu einem breiten Publikum.
"Equinox" ist eine dieser Kuriositäten, dieser glücklichen Zufälle, die in der Filmgeschichte größtenteils unbemerkt hinter den Kulissen bleiben und gleichzeitig den Ausgangspunkt von zahlreichen Meilensteinen der heutigen Popkultur bilden.
Ein ambitioniertes Erstlingswerk von Künstlern, die alles ihrer Leidenschaft unterstellen, erkannt von den richtigen Sponsoren, denen es möglich ist alle holprigen Einzelheiten die ein niedriges Produktionsbudget mit sich bringt zu durchschauen, und das schiere Talent und die Inspiration hinter dem Werk zu erkennen ist "Equinox" eines der besten Beispiele dafür, warum Bemühungen dieser Art den fruchtbarsten kreativen Nährboden bieten.

Text: FredFuchs

Dienstag, 9. August 2011

L'eclisse (1962, Dir: Michelangelo Antonioni)


L'ECLISSE ist einer dieser besonderen Filme, die einen nach der ersten Sichtung bereits nicht mehr los lassen und direkt nach einer zweiten schreien. Glasklare Bilder erzählen mit beachtlicher Intensität und Ruhe die zugleich schöne und deprimierende Geschichte von Trennung, Glück, Unglück, Verlust, Hoffnung. Monica Vitti ist zauberhaft schön, Alain Delon überzeugend impulsiv. Der vielleicht ehrlichste und in letzter Konsequenz beste Liebesfilm aller Zeiten.
Ein Meisterwerk des (italienischen) Autorenkinos aus einer längst vergangenen goldenen Zeit; ein so faszinierend-magisches Filmerlebnis wird es einfach nie wieder geben... 

Text: Le Samourai

Le Orme (1975, Dir: Luigi Bazzoni)


Ein mystisches, atmosphärisch dichtes Verwirrspiel voller Ungewissheit und Paranoia.
Die Hauptrolle (Florinda Bolkan aus Fulci's großartigem "Lizard in a Woman's skin") ist davon besessen ein Ereignis aus ihrer Vergangenheit aufzuklären und endet schließlich unter dem Verlust ihres Verstandes auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.
"Le Orme" gehört zusammen mit "Death Laid an Egg" ("La morte ha fatto l'uovo") zu den besten Vertretern der verschwindend kleinen Filmnische von Giallos, welche blitzende Klingen und die ohnehin meist wirr konstruierten Plots mit surrealen Story-Elementen kombinieren; eine hervorragende Mischung!

Text: FredFuchs
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Hervorragendes italienisches Filmjuwel von Luigi Bazzoni. Für mich fälschlicherweise dem Giallo zugeordnet, hat LE ORME mit dem Schlitzergenre der Siebziger nur eines gemeinsam: Das gelbe Kleid der Protagonistin. Für mich ist LE ORME ein zutiefst mystischer, atmosphärischer, hypnotisierender Mysterythriller, der mit fantastischen Bildern von Kameralegende Vittorio Storaro ("Apocalypse Now", "Novecento", "Ultimo tango a Parigi") und einem hervorragenden Score von Nicola Piovani ("La vita e bella") die tieftraurige, melancholische Geschichte von Vergänglichkeit und Einsamkeit erzählt.
Ein kleines Meisterwerk.

Text: Le Samourai

Sonntag, 7. August 2011

Beats Rhymes & Life: The Travels of A Tribe Called Quest (2011, Dir: Michael Rapaport)


Magisch, ehrlich, roh, authentisch, nachdenklich, einfühlsam, fesselnd. Eine absolut würdiges und vollkommen überzeugendes filmisches Denkmal für eine der allerbesten und einflussreichsten Rapcrews aller Zeiten. Regisseur Michael Rapaport gibt erstaunliche Einblicke in die (mit Unterbrechungen) 23 Jahre andauernde Karriere von Q-Tip, Phife Dawg, Ali Shaheed und Jarobi, kombiniert mit Statements der nahezu gesamten amerikanischen Rap-Szene und tonnenweise faszinierendem Archivmaterial.
Pflicht für jeden (Hip Hop-)Musikliebhaber.

Text: Le Samourai

Malastrana (1971, Dir: Aldo Lado)


Herausragender und zugleich ungewöhnlicher Giallo-Beitrag von Regisseur Aldo Lado und Giallo-Drehbuch-Legende Ernesto Gastaldi. Selten wurde Prag dermaßen eindrucksvoll in Szene gesetzt, im Zusammenspiel mit Morricones mal wieder perfekt stimmungsvollem Soundtrack wird eine bedrohliche, expressionistische, teilweise kafkaeske Stimmung geschaffen. Bondgirl Babara Bach macht ihre Sache ziemlich gut, Mario Adorf ist sowieso immer ein Genuss und mein persönlicher Höhepunkt ist Jürgen Drews als gitarrespielender und singender Hippie auf der Karlsbrücke.
Italienische Genremix-Perle (Giallo-Horror-Psychothriller) mit für mich sensationellem Ende, die es definitiv wert ist, gesehen zu werden. 

Text: Le Samourai

Samstag, 30. Juli 2011

Charlie Wilson's War (2007, Dir: Mike Nichols)


CHARLIE WILSON'S WAR ist ein besonderer Film. Und ein wichtiger. Die intelligenten, sarkastischen Dialoge von Mastermind Aaron Sorkin ("The Social Network"), perfekt vorgetragen von Tom Hanks in seiner für mich besten Rolle und Philip Seymour Hoffman (einmal mehr absolut genial), sowie die erfrischend kurzweilige Inszenierung von Regielegende Mike Nichols sind die Hauptzutaten der Verfilmung der wahren Geschichte über den amerikanischen Kongressabgeordneten Charlie Wilson, welcher eine der größten verdeckten Operationen des CIA iniziierte und die afghanische Mudschahidin mit Waffen und Geld versorgte, um die Greueltaten der Roten Armee in Afghanistan erfolgreich zu beenden.
Ging damals irgendwie an mir, sowie anscheinend auch an den meisten Awards vorbei, denn außer einer Oscarnominierung für Philip Seymour sprang nicht viel heraus.
Hollywoodkino wie es sein sollte - unterhaltsam, witzig UND intelligent -, aber leider in den letzten Jahren immer seltener geworden ist.

Text: Le Samourai

Krótki film o zabijaniu (1988, Dir: Krzysztof Kieslowski)


Ein Film (Engl: "A Short Film About Killing") wie ein radikaler Denkanstoß, visuell wie inhaltlich absolut trostlos und pessimistisch. Bemerkenswert, wie minimalistisch Kieślowski dabei inszeniert. Kein Bild, das man nicht unbedingt braucht, kein überflüssiges Wort, schon gar keine banale Motivsuche. Die wenigen Szene, die überhaupt etwas preisgeben, erhalten dadurch eine enorme Bedeutung; das Gespräch zwischen Häftling und Anwalt im Todestrakt geht tiefer und ist vielsagender als so mancher kompletter Film zu diesem Thema.
Text: Gordon Cole
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Ein depressives, tristes Stück europäische Filmgeschichte. Zugleich aber zutiefst menschlich, ehrlich und äußerst bedeutsam. Der wohl beste Film zum Thema Todesstrafe. Muss man gesehen haben.
Text: Le Samourai

Mittwoch, 27. Juli 2011

La planète sauvage (1973, Dir: René Laloux)


Surreales, fast dadaistisches Underground-Zeichentrick-Kunstwerk mit fantastischem Soundtrack und einer klaren Message: Nur in Frieden können verschiedene Zivilisationen erfolgreich zusammenleben.
Ausgezeichnet mit dem Spezialpreis der Jury in Cannes 1973, heute leider absolut zu Unrecht etwas in Vergessenheit geraten.

Text: Le Samourai

No End in Sight (2007, Dir: Charles Ferguson)


"the knowledge and expertise of military, diplomatic and technical professionals was overridden by the ideological certainty of political loyalists." (A. O. Scott, New York Times, aus seiner Kritik zu NO END IN SIGHT)
Wahnsinnig gut recherchierte, konstruierte und erzählte Geschichtsstunde zum aktuellsten aller schwarzen Kapitel der amerikanischen Geschichte - dem Irakkrieg. Objektiv, intelligent und informativ, da neben einigen direkt beteiligten Soldaten fast ausschließlich ranghohe Mitarbeiter und Berater des Bush-Apparates zu Worte kommen, die in unterschiedlichen Positionen an der Planung und vor allem dem "Post War Plan" involviert waren.
Ein Film, der aufklärt, Zusammenhänge verdeutlicht und einen absolut fassungslos zurücklässt. Trotz der Oscar-Nominierung für den besten Dokumentarfilm leider viel zu unbekannt und wenig beachtet - absolut unverständlich. 

Text: Le Samourai

Montag, 25. Juli 2011

The Night of the Hunter (1955, Dir: Charles Laughton)


Die einzige Regiearbeit des Schauspielers Charles Laughton (unvergesslich als Sir Wilfried in Billy Wilders "Witness for the Prosecution") zeichnet sich durch seine expressionistisch-surreale Inszenierung aus und ist für mich einer der eindrucksvollsten und außergewöhnlichsten Film Noirs aller Zeiten. Robert Mitchum mimt den Wolf im Schafspelz mit beeindruckender Böshaftigkeit und präsentiert uns einen der unvergesslichsten Bösewichte der Filmgeschichte.
Damals - aufgrund der Thematik und Inszenierung - ein Kinoflop, heute Pflichtprogramm für alle Cineasten.

Text: Le Samourai

The Ruling Class (1972, Dir: Peter Medak)


Ein beißender, respektloser Kommentar auf die Anatomie des britischen Klassensystems, durchtränkt von britischem Humor und absurden Musicalnummern.
Anders als im seelenverwandten "Kind Hearts and Coronets" schert sich Peter Medak in "The Ruling Class" weder um filmische Erzählstrukturen, Genregrenzen oder um Realismus und genau diese Freiheiten ermöglichen das feine Schärfen der satirischen Spitzen, die dieser wahnwitzigen Theateradaption ihren Reiz verleihen. Peter O'Toole selbst umschrieb den Film als "comedy with tragic relief" und bietet als Hauptdarsteller in seinen Rollen als Jack Arnold Alexander Tancred Gurney - 14th Earl of Gurney/ Jesus/ Jack the Ripper den perfekten Katalysator für allen regietechnischen Irrsinn.
Text: FredFuchs

Freitag, 1. Juli 2011

The Unbelievable Truth (1989, Dir: Hal Hartley)


Hal Hartley gehört ohne Zweifel zu den wichtigsten Figuren der Renaissance des amerikanischen Independent Films in den 80er und 90er Jahren. Gemeinsam mit Autoren wie Jarmusch, Linklater oder Spike Lee ebnete er den Weg für den dialoglastigen Blick auf die moderne Gesellschaft ohne notgedrungen einem vordergründigen Handlungsstrang zu folgen. Mit einem wiederkehrenden Grundensemble an Schauspielern führt er uns in seinen Filmen durch stark überzeichnete Realitäten immer wieder zwischenmenschliche Absurditäten vor Auge.
Sein erster Spielfilm "The Unbelievable Truth" funktioniert auch gleichzeitig hervorragend als Einstieg in seine Werke. Alle Elemente seines unverkennbaren Stils sind hier bereits deutlich ausgeprägt, gezieltes Over- und Underacting, extrem stilisierte, philosophische Dialoge und bewusst irritierende mise-en-scene führen geschickt eingesetzt zu interessanten Einblicken und denkwürdigen humoristischen Höhepunkten (Die Besessenheit einer seiner Figuren mit einem absolut sterilen Badezimmer in "Trust" ist unvergesslich).
Text: FredFuchs

Prelude: Dog Star Man (1962, Dir: Stan Brakhage)


In einem Bereich wie der Avantgarde, in dem die einzelnen Einträge kaum unterschiedlicher ausfallen könnten, von hoher Genrekunst zu sprechen ist nicht unbedingt vielsagend, aber im Falle von "Dog Star Man" scheint dies noch die passendste Umschreibung.
Der Zyklus, bestehend aus fünf Teilen, beginnt und endet mit der Entstehung des Universums, dazwischen beschäftigt er sich mit der Rolle des Menschen in der Natur. Man sieht Brakhage selbst wie er in der Rolle des Mannes mit der Besteigung eines verschneiten Berges kämpft (eines der seltenen humoristischen Elemente in seinen Filmen) um einen Baum zu fällen. Man sieht seine Familie, Bilder seines Kindes, seiner Frau und Aufnahmen der verschneiten Landschaft. Fliessend abgelöst werden diese mit Kamera gedrehten Szenen durch Zelluloidstrecken die er selbst physisch entfremdet hat; durch von ihm perfektionierte Techniken wie dem Zerkratzen und Bemalen jedes einzelnen Frames erzeugt er Passagen die von ihm als "closed-eye vision" verstanden wurden, die Bilder, die wir vor unseren geschlossenen Augen sehen. Durch staccatohafte Schnitte, Farbfilter und der teils mehrfachen Überlagerung des Materials entsteht eine Synthese der verschiedenen Elemente, ein einzigartiges Schauspiel aus Licht, Formen und Farben aus dem Unterbewusstsein von Stan Brakhage.
Manche Werke distanzieren sich so stark von den Normen mit denen gemeinhin Film als reines Unterhaltungsmedium abgesteckt wird, dass sie leider ausserhalb von Vorstellungen an Universitäten und als Loops in Museen kaum Zuschauer finden, daher lässt sich Brakhages Oeuvre von mehr als 300 Kurzfilmen eine gewisse akademische Exklusivität nicht absprechen. Aufgrund der Abstraktheit der Bilder (auch wenn er selbst mit jedem seiner Frames ganz konkrete Anliegen verband) und ihrer Anordnung, die keiner dimensionalen Logik unterliegt, ist es notwendig seine eigenen, sehr persönlichen Verbindungen zu schaffen, dies macht seine Filme zu den subjektivsten Erfahrungen die die Kunstform hervorgebracht hat.
Text: FredFuchs

Donnerstag, 30. Juni 2011

Dawn of the Dead (1978, Dir: George A. Romero)


"Who the hell are they?" - "They're us, that's all."
Genre-Godfather George A. Romero liefert mit DAWN OF THE DEAD sein absolutes Meisterwerk ab und den wohl besten Zombiefilm aller Zeiten, gefolgt von seinem Regiedebüt NIGHT OF THE LIVING DEAD.
Zum einen zeichnet sich DAWN durch seine intensive, spannende Inszenierung aus, die über die vollen 140 Minuten (Long Version) zu fesseln vermag. Tom Savini - die "Sex Machine" aus FROM DUSK TILL DAWN, hier auch in einer Nebenrolle zu sehen - ist für die äußert blutigen Special Effects verantwortlich, die auch heute noch nichts für zart besaitete Gemüter sein dürften. DAWN aber auf seine reinen Splatter-Einlagen zu reduzieren, ist ein großer Fehler. Für mich ist er der vielschichtigste und intelligenteste aller Zombiefilme, da er auf eindrucksvolle Art und Weise Kritik an Gesellschaft und Konsumverhalten derselbigen übt - eine Ebene, die die breite Masse der moderneren Filme dieser Art einfach nicht erreicht.
Der fantastische Score von Goblin und Dario Argento himself komplettiert dieses herausragende Pflichtprogramm für alle Genrefans und Cineasten im Allgemeinen. Meisterwerk.

Text: Le Samourai

Des hommes et des dieux (2010, Dir: Xavier Beauvois)


Das in Cannes 2010 mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnete Drama "Des hommes et des dieux" (dt: "Von Menschen und Göttern") des Franzosen Xavier Beauvois ist letztes Jahr irgendwie komplett an mir vorbeigegangen. Gestern hatte ich die Gelegenheit, dies in einem Berliner Freiluftkino nachzuholen - zum Glück.
Der Film, basierend auf wahren Ereignissen, erzählt die Tragödie um acht Mönche in einem algerischen Kloster, die, nach jahrelangem friedlichen Zusammenleben mit der muslimischen Bevölkerung plötzlich von fundamentalen Islamisten bedroht werden. Beauvois schildert die Ereignisse in aussagekräftigen, starken Bildern und wunderbar unaufgeregt, fast schon meditativ. Die Inszenierung lebt von ihrer erstaunlichen Intensität und Authentizität, wozu das durchgehend hervorragende Schauspielensemble ebenso einen großen Teil beiträgt.
Ein zutiefst menschliches, ungeheuer wichtiges Drama.

Text: Le Samourai

Dienstag, 28. Juni 2011

Idi i smotri (1985, Dir: Elem Klimov)


IDI I SMOTRI (dt. "Komm und sieh") ist der "beste" Antikriegsfilm aller Zeiten.
Aleksei Rodionovs entfesselte Kamera zeigt 140 Minuten lang albtraumhaft impressionistische Bilder, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis einbrennen. Der sechzehnjährige (!!!) Aleksey Kravchenko liefert die beste schauspielerische Leistung eines Jugendlichen aller Zeiten ab. Regisseur Elem Klimov verzichtet vollkommen auf Pathos und Heldentum, sondern zeigt den Krieg endlich mal, wie er wirklich ist: Ein einziger Albtraum, bei dem es nur Opfer gibt. Keine Sieger.
Ein unfassbares Meisterwerk.

Text: Le Samourai

Montag, 27. Juni 2011

Performance (1970, Dir: Nicolas Roeg & Donald Cammell)


Unfassbares Filmjuwel von Nicolas Roeg ("Don't look now") aus dem Swinging London der späten 60er Jahre mit einem brillanten Mick Jagger in einer der Hauptrollen. Experimenteller, provokativer Schnitt, wunderbar psychedelisch-surreale Bilder und ein fantastischer Soundtrack (Ry Cooder, Mick Jagger, The Last Poets, ...) sind die Hauptzutaten dieses audiovisuellen Pilztrips. Definitiv eine der Inspirationsquellen von Tarantino, Guy Ritchie und Co...
Text: Le Samourai

Freitag, 24. Juni 2011

The King of Kong (2007, Dir: Seth Gordon)


Atemberaubende Dokumentation über die wohl liebenswürdigsten Nerds dieser Welt - Arcade Gamer. Im Grunde geht es um nichts weiteres als das Duell zweier Donkey Kong Spieler und dem ultimativen Ziel: Den Highscore im Arcade Klassiker Donkey Kong von 1981 knacken und damit ins Guinness-Buch der Rekorde zu kommen. Zum einen Billy Mitchell, dem Rekordhalter, der lebenden Legende, dem "größten Arcade Spieler aller Zeiten" und zum anderem dem "No Name" Steve Wiebe, dem Herausforderer, einem Lehrer und Familienvater.
Was sich langweilig und vielleicht nicht dokumentationswürdig anhört, entpuppt sich als eine der spannendsten, einfühlsamsten, lustigsten, magischsten und einfach besten Dokumentationen, die ich jemals gesehen habe. Tonnenweise Archivmaterial - von absurd bis rührend, charismatische Protagonisten und eine geniale Dramaturgie versprechen 80 Minuten Unterhaltung der wirklich besonderen Art. Eigentlich empfehlenswert für jedermann, für Hobbygamer und Nerds jedoch absolutes Pflichtprogramm. 

Text: Le Samourai

Donnerstag, 23. Juni 2011

5 Centimeters per Second (2007, Dir: Makoto Shinkai)


Ein Wunderwerk von Anime. 63 herzergreifend schöne, aber zu keiner Zeit kitschige, da zurückhaltende und dezente Minuten voller Liebe, Trennung, Hoffnung, Sehnsucht und Herzschmerz, erzählt mit phänomenalen Bildern, Farben, Figuren und einem wunderschönen Soundtrack.
Für mich der beste Anime der letzten Jahre, der sich vor den Werken des Altmeisters Hayao Miyazaki aber sowas von nicht zu verstecken braucht.

Text: Le Samourai

Dienstag, 21. Juni 2011

Henry: Portrait of a Serial Killer (1986, Dir: John McNaughton)


Von allen üblen Filmen, die ich bisher gesehen habe, ist HENRY der vielleicht bitterböseste, verstörendste, grauenhafteste, hoffnungsloseste.
Extrem nüchtern, dokumentarisch zeigt John McNaughton fragmentarisch Auszüge aus dem Leben des notorischen Serienmörders Henry Lee Lucas, verweigert sich dabei einer gewöhnlichen Erzählstruktur und schildert vielmehr schonungslos, in kurzen beklemmenden Episoden, den tristen Alltag und die extrem gestörte Psyche des Killers. Die Darstellung Henrys durch Michael Rooker ist grandios und absolut verstörend, die Kamera schonungslos, nüchtern, in ständiger Bewegung und teilweise sogar in der Hand des Mörders, was das Zuschauen noch unerträglicher macht.
DER definitive, weil purste Serienmörderfilm, der zwar nicht unbedingt Spaß macht, aber trotzdem gesehen werden sollte.

Text: Le Samourai

Love Exposure (2008, Dir: Shion Sono)


Wow. Wow. Wow.
LOVE EXPOSURE (
Ai no mukidashi) ist außergewöhnlich, einzigartig, überlebensgroß, anarchistisch, gewaltig, episch, rührend, spannend, witzig, herzergreifend, romantisch, schockierend, mitreißend - also eigentlich die komplette Bandbreite an filmisch darstellbaren Emotionen. Was der japanische Ausnahmeregisseur Shion Sono ("Strange Circus") hier geschaffen hat, grenzt an filmischer Perfektion und kann nur ehrfurchtsvoll bewundert werden. 
Lange vor mir hergeschoben, werde ich die vergangenen vier japanischen Stunden niemals vergessen und möchte sie auch nicht missen lassen, denn dieser kurzweilige (!) Coming-Of-Age-KungFu-Punk-Eastern-Liebesfilm fesselt von der ersten Sekunde an und zu wirklich keiner der 237 außergewöhnlichen Minuten kommt Langeweile auf. Wieso das so ist? Zum einen macht die Ich-scheiß-auf-gängige-Erzähltechnik-Konventionen-Inszenierung einfach verdammt Spaß und zeigt Sonos Leidenschaft für das Medium Film eindrucksvoll. Das Drehbuch ist zu gleichen Teilen verrückt, mutig und genial und hätte wohl besser nicht verfilmt werden können. Die handwerkliche Umsetzung ist sensationell, Kamera und Schnitt fantastisch, die Splattereinlagen verdammt gelungen. Zum anderen sind die schauspielerischen Leistungen schlichtweg grandios. Das komplette Ensemble spielt großartig und (die meist schwierigen Rollen) überzeugend, herauszuheben sind hier jedoch ganz klar Takahiro Nishijima als Yu und natürlich Hikari Mitsushima als Yoko. Ich liebe sie. Ihre größte Szene, in der sie zu Beethovens siebter Sinfonie das "Hohelied der Liebe" aus den Korintherbriefen zitiert, ist unfassbar und zählt für mich zu den eindrucksvollsten Filmszenen aller Zeiten. Überhaupt wird Beethovens Siebte (mehrfach) so genial verwendet wie zuvor nur in IRREVERSIBEL.
LOVE EXPOSURE ist ganz ganz großes japanisches Kino und sollte nicht verpasst werden... 

Text: Le Samourai

Sonntag, 19. Juni 2011

Unter Kontrolle (2011, Dir: Volker Sattel)


In das Universum Volker Sattels einzudringen ist nicht gerade einfach. So assoziativ und metaphorisch sind seine Bilder auf den ersten Blick, so prägnant und konkret auf den zweiten. Bezeichnend, dass Sattel vor ein paar Jahren ein Remake von Walter Ruttmanns ‘‘Berlin – Symphonie einer Großstadt‘‘ drehte. Genauso symphonisch könnte man auch ‘‘Unter Kontrolle‘‘ bezeichnen: die dokumentarische 35mm-Symphonie einer überholten Technik, eines ausgeträumten Traums, einer unfreiwillig komischen Welt.
Wo einst Burgen standen thront nun das Atomkraftwerk über der Kleinstadt und scheint alles unter seiner Kontrolle zu haben. Gerade in solchen unscheinbaren Momenten werde ich das Gefühl nicht los gerade den realsten und bedrohlichsten Science-Fiction-Film, den es je gab gesehen zu haben. Sattel spielt hier mit szenischen Elementen – bei einer langsamen Dollyfahrt auf einem Bürogang erwarte ich hinter jeder Ecke die Shining-Zwillinge oder zumindest eine Welle Blut, die in Zeitlupe aus dem Aufzug stürzt. Und da liegt eine der Stärken des Films – er schafft ein unsichtbares drittes Bild zwischen der Schnittstelle, dass ich nur in meinem Kopf wahrnehme, ich werde dank der wunderbaren Montage permanent gezwungen zu assoziieren. Kommentarlos und im statischen und wunderschön fotografierten Cinemascope zeigt er die Alltags-Absurditäten der verschiedenen deutschen und österreichischen AKWs, eine nerdige Männergesellschaft in Bademänteln wie aus einem Roy Andersson Film, ausgediente 70er-Jahre Technik, die blinkt und piept, einen bizarren Freizeitpark mit Kettenkarussel im stillgelegten Atom-Meiler und verschafft einen nie dagewesenen (und wohl auch den letzten) und längst fälligen Einblick in den absurden Kosmos Kernkraftwerk.

Text: Windom Earle

Dellamorte Dellamore (1994, Dir: Michele Soavi)


Der vielleicht letzte große italienische Horrorfilm beginnt als ultraschwarze Zombiekomödie, entwickelt sich aber immer mehr zur philosophisch-absurden Auseinandersetzung mit Leben und Tod und endet wunderbar surreal am (im wahrsten Sinne des Wortes) Ende der Welt, ohne Aussicht auf Rückkehr.
DELLAMORTE DELLAMORE ist ein Fest für die Augen, Kameramann Mauro Marchetti (u.a. Kameraassistenz bei "Apocalypse Now", "Novecento" und "Ultimo tango a Parigi") zaubert wunderbar kunstvoll-groteske Bilder auf die Leinwand und der kraftvollen Inszenierung Michele Soavis merkt man an, dass er von Dario Argento einiges gelernt hat (Regieassistenz bei dessen Klassikern "Opera", "Tenebre" und "Phenomena").
Für Freunde des morbid-grotesken Kinos und des italienischen Horrorfilms im Allgemeinen absolutes Pflichtprogramm.

Text: Le Samourai

Samstag, 18. Juni 2011

The Tree of Life (2011, Dir: Terrence Malick)


Die Kunstform Film muss - ähnlich wie nach Kubricks Jahrhundertfilm "2001" - neu definiert werden. Malick ist ein weiteres Mal über sich hinaus gewachsen und serviert uns einen Grenzen sprengenden zweieinhalbstündigen, zu keiner Sekunde langweiligen Train of Thought, der so atemberaubend schön fotografiert und montiert ist, wie man es zuvor schlicht noch nicht gesehen hat und vielleicht auch nie wieder sehen wird. Es gibt zur Zeit wohl keinen anderen derart poetischen und visuell stilsicheren Regisseur wie Malick, dessen Werk vielleicht erst in 50 Jahren die Würdigung bekommt, die es verdient hat. Auch hier sehe ich jetzt schon erstaunliche Parallelen zum guten Stanley. Dieser wäre im Übrigen wohl überaus stolz auf Malick gewesen, da er sein Werk geliebt hätte und gleichzeitig niemals so hätte verwirklichen können. Man kann der Jury von Cannes 2011 nur zur ihrer Entscheidung gratulieren. Ein zeitloses Ultrameisterwerk, ein Überfilm. Der TREE OF LIFE ist in der Tat überlebensgroß.
Text: Le Samourai
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„The Tree of Life“ ist zweifellos ein Kunstwerk. Terrence Malick stellt die ganz großen Fragen, Emmanuel Lubezki liefert die vollkommenen Bilder, wie sie wahrscheinlich noch nie zu sehen waren. Es ist der Versuch eines nahezu allumfassenden Films.
Was Malick in „The Thin Red Line“ in einer wohltuenden Mischung inszenierte – die Kombination von Realismus und Poesie – treibt er bei „The Tree of Life“ auf die Spitze und darüber hinaus. Es gesellen sich Philosophie und die Tragik der menschlichen Existenz dazu.
Die Vergleiche zu „2001 – A Space Odyssey“ und auch „The Fountain“ liegen somit auf der Hand. Während jedoch diese beiden, für mich gelungeneren Filme immer wieder zur Geschichte zurück finden und den Zuschauer nicht vollständig alleine lassen, verliert sich „The Tree of Life“ oftmals vollends in seinen Bildern. Das ist an sich nichts Negatives, ohne emotionalen Leitfaden jedoch verdammt riskant. Malicks traumhafte Bildsprache und seine Assoziationen florieren derart frei durch den filmischen Äther, dass man wohl schon einen ganz besonderen Moment erwischt haben muss, um von diesem Film durchweg gepackt zu sein. Den Teil des Publikums, der mit offenem Mund vor der Leinwand sitzt und aus dem Staunen nicht mehr herauskommt, beneide ich. Ehrlich und ernsthaft. Mir war es nicht vergönnt.
Die mehr als ausgiebige Evolutionssequenz kann man als das wohl aufwändigste Kamera-Showreel aller Zeiten bezeichnen. Die perfekte BBC-Naturdokumentation. Die Dinosaurier vergesse ich an dieser Stelle allerdings ganz schnell. Die habe ich mir eingebildet. Die waren nicht da. Auch die Tatsache, dass ich jetzt jedes Mal beim In-die-Sonne-gucken an Terrence Malick denken muss, soll nicht weiter erwähnt werden :)
Aber nochmal und ernsthaft: die Kameraarbeit (und nebenbei auch der Schnitt) sind einfach ganz großes Handwerk.
Trotzdem ist es das Missverhältnis von (zu vielen) glanzvollen Bildern subjektiver Wahrnehmung und (zu wenig) ergreifendem, real gezeigtem Drama, das emotional an mir vorbeiging. So wirkt die Geschichte in großen Teilen wie Beiwerk und konnte mich in letzter Konsequenz nie wirklich erreichen. Der distanzierte Vater, die engelsgleich-perfekte Mutter. Fragmente der Erinnerung und vielleicht deshalb stilisiert und verwässert. Aber dadurch gezwungenermaßen ebenso konturlos und stellenweise weit über der Grenze zum Kitsch.
Vielleicht kann man im Film einfach nicht ALLES – Liebe, Verlust, Trauer und dazu noch die Sinnfragen der Menschheit - auf höchstem Level miteinander vereinbaren. Kein Malick, kein Kubrick, niemand. Man kann aber vielleicht sagen, dass Malick es versucht und nicht geschafft hat. Alleine der Versuch ist dabei natürlich schon aller Ehren wert, muss sich aber auch an den eigenen Ansprüchen messen lassen.
Es ist ein Film, der aufgrund seiner Machart die Meinungen spalten MUSS. Denn packt er einen nicht nur visuell, sondern auch emotional, kann er in ungeahnte Höhen aufsteigen. Packt er einen nicht… tja, dann nicht.
Am Ende steht eine nichts sagende 7.0, denn die repräsentiert im Universum austauschbarer Begrifflichkeiten hierzulande ein „sehenswert“. Und der Film ist aufgrund seiner nahezu perfekten Bilder und subjektiven Erzählweise wert, gesehen zu werden. Und dennoch bleibe ich unbefriedigt zurück, denn wenn das vorherrschende Gefühl beim Abspann Erleichterung ist, kann ich leider nicht von einem überwältigenden Erlebnis sprechen. „The Tree of Life“ stirbt in Schönheit. In wundervoller, formvollendeter, teilweise unerträglich langweiliger Schönheit.
Text: Gordon Cole
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Ich werde ihn lieben - Meine Standard-Antwort, die ich mantra-artig herunterbetete in den letzten Wochen, wenn das Thema TREE OF LIFE aufkam. Irgendwann wunderte ich mich schon selbst - Woher nehme ich diese Sicherheit, dass Malicks neues Werk genau meinen Geschmack trifft? Die Kritiker in Cannes? Gespalten. Der Trailer? Wunderschön, aber irgendwie auch nichtssagend. Malicks Filmographie? Außer The Thin Red Line nichts gesehen.
Intuition? Unsinn.
Also habe ich das heutzutage beinahe unmögliche versucht: ich wollte mir das hoch gepriesene aber ebenso schwer zerrissene Epos unvoreingenommen ansehen. Und wie gerne würde ich behaupten können, dass mir dieses Kunststück gelungen ist. Aber ich weiß es nicht. Fakt ist, THE TREE OF LIFE hat mich umgehauen. Der Versuch alles nur Erdenkliche, jedes Gefühl, jede Regung, jeden Augenblick, ja sogar die Entstehung des Universums, in etwas mehr als zwei Stunden zu pressen scheint vermessen und idiotisch. Malick ist er geglückt.
In einem vermeintlich vollkommen willkürlichen Sammelsurium an Emotionen dreht sich die Handlung, wenn man das überhaupt so nennen darf, um eine im mittleren Westen der USA lebende Familie in den 50er Jahren. Fragmentarisch und scheinbar austauschbar bekommen wir das komplette Spektrum der Gefühlspalette serviert. Trotzdem wirkt THE TREE OF LIFE nie überladen oder hektisch, was in erster Linie im herausragenden Schnitt begründet liegt. Die Montage spart jedes überflüssige Wort aus und lässt der gewaltigen Bildsprache dadurch viel Raum und Zeit sich frei zu entfalten. Vor allem regt diese kunstvolle Aneinanderreihung von Bildern aber zum Nachdenken an; immer wieder habe ich mich dabei ertappt, wie ich mich an meine eigene Kindheit erinnerte und bestimmte Situationen Revue passieren ließ.
Nebenbei handelt Malick dann noch die Entstehung des Universums ab, webt diese aber so behutsam und geschickt in das Gesamtwerk ein, dass sie der Haupthandlung einen absoluten Mehrwert verschafft und die emotionalen Höhen und Tiefen der Protagonisten in einen kosmischen, allumfassenden Kontext setzt.
Alles Punkte über die sich mit Sicherheit streiten lässt und die jeder Zuschauer wohlmöglich ganz anders wahr nimmt. Worüber sich aber keinesfalls streiten lässt, ist die herausragende Fotografie. Bild für Bild für Bild - THE TREE OF LIFE ist in seiner Optik formvollendet. Punkt. Darüber brauche ich kein weiteres Wort verlieren.
So abgedroschen es sein mag, wie Kubricks 2001: A Space Odyssey ist Malicks neuestes Werk Geschmacksache und ich werde mich auf keinerlei Diskussionen über Gefallen oder Nicht-Gefallen einlassen. Das muss jeder für sich entscheiden. Auch wenn mir die Objektivität bei der ersten Sichtung vielleicht gefehlt hat, ich freue mich wahnsinnig darauf dieses Meisterwerk noch einmal, wahrscheinlich sogar zwei oder dreimal, zu sehen. Trotzdem hat sich meine erste Erwartung schon jetzt bestätigt: Ich liebe ihn.
Text: andyewest88
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Die Realisierung von "Tree of Life" ist Terence Malicks größter Coup bisher. Das Engagement von zwei der größten zeitgenössischen Hollywoodstars zur Finanzierung eines letztendlich unverschämt unkommerziellen Projekts, welches 3/4 der Zuschauer, die sich aufgrund solcher Castlisten für einen Film entscheiden, schlussendlich wahrscheinlich verärgert oder schlafend im Kinosaal zurücklässt, verdient höchsten Respekt. Es ist mit großer Genugtuung verbunden zu sehen, dass dies in der hochgradig industrialisierten Filmlandschaft abseits von Festivalkreisen und Nischenvorstellungen noch möglich ist und der Film wirkt herrlich im Kontrast zu allem, was einem sonst von Hollywood an den Kopf geworfen wird.
Malicks Inszenierung wechselt zwischen bombastisch und poetisch und verwirklicht auf formeller Seite fantastische Gegenpole für die inhaltlichen Gegenüberstellungen von Existentialismus und Spiritualität, von Wissenschaft und Religion. Einerseits die visuell erstaunliche, kraftvolle Genese, vom Urknall bis zur Doppelhelix, die den ersten Akt zu einem überwältigenden Erlebnis macht. Andererseits der Mensch als dessen Ergebnis, der Vorgarten einer Südstaatenfamilie Mitte des letzten Jahrhunderts. Die Elemente sind die Hauptdarsteller, von kosmischen Gaswolken hin zu lebensspendendem Wasser und beispiellos eingesetztem natürlichen Licht, mal mehr, mal weniger im Fokus, aber stets präsent. Die Verbundenheit alles Lebens als Konzept, die Ambitionen sind kolossal.
Malick untergräbt diese Epik leider mehrfach selbst, indem er sich auf Motive und Stilmittel verlässt, die sein Werk eigentlich nicht nötig hat, um uns seine Bedeutungsschwere auf die Nase zu binden. Bilder von der Entstehung des Lebens im Universum besitzen ein so enormes Eigengewicht, dass man ohne vorsichtigen Umgang schnell die Grenze zum Kitsch überschreitet. Ein Sternennebel und eine wispernde Stimme “Where did I come from? How will I find you?” und man ist auf einmal geistig nicht mehr weit entfernt von Bildern für eine Horoskophotline im nächtlichen Kabelprogramm. Postkartenmotive von Sonnenblumen im Wind oder Werbefotografie in Penns höchstwahrscheinlich stark zusammengeschnittenen Part; diese Assoziationsanflüge berauben "Tree of Life" kurzzeitig schmerzlich einen Großteil seiner Leichtigkeit und sonst so eindrucksvollen, organischen Eleganz.
Text: FredFuchs

Dienstag, 14. Juni 2011

Street of Crocodiles (1987, Timothy & Stephen Quay)


In Filmbesprechungen werden Superlative gerne im Übermass bemüht, nichts sagende Adjektive missbraucht als Textfüller, denen die Werke selbst daraufhin kaum noch gerecht werden können. Jedoch ist die erste Assoziation, die bei dem Gedanken an das Oeuvre der Brothers Quay hervorgerufen wird: "beispiellos". Die Filme gewähren einen Einblick in Paralleluniversen, albtraumhafte Dioramen die durch das Unterbewusstsein für uns zugänglich werden.
Im Falle vom Magnum Opus "Street of Crocodiles" wird durch menschliche Spucke in einem Kinetoskop eine Parabel auf das Polen zwischen zwei Weltkriegen in Gang gesetzt. Lose basierend auf dem gleichnamigen, ebenso avantgardistischen Buch des polnischen Schriftstellers Bruno Schulz konzentriert sich der Film weniger auf Narration als auf pure visuelle Suggestion. Die animierten Welten sind stets düster und grotesk, verfallen und bizarr und werden eingefangen von einer perfekt zirkelnden, ruhelosen Kamera.
Kunstfertige Tracking Shots und Perspektivenwechsel, die geschickte Manipulation von Raum und Zeit innerhalb dieser unvergleichlichen Symbiose aus Set- und Sounddesign führt immer wieder vor Auge wie meisterhaft das Verständnis des Mediums Film bei den Regisseuren ausgeprägt ist. Nicht umsonst zählen die Arbeiten der Brothers Quay im Allgemeinen und "Street of Crocodiles" im Besonderen auch heute noch zu den bedeutendsten Beiträgen der Animationskunst und die Einflussnahme auf modernes Stop-Motion und CGI Kino ist unverkennbar.

Text: FredFuchs

Mittwoch, 8. Juni 2011

Vanishing Point (1971, Dir: Richard C. Sarafian)


Symbolträchtiger und oft zitierter Kampf für Freiheit und Selbstverwirklichung und gegen repressive Obrigkeiten, gepackt in eine einzige Verfolgungsjagd mit Hippiehochburg San Francisco als Ziel. Der Dodge Challenger ist ebenso großartig wie sein Fahrer Barry Newman und VANISHING POINT im "Car Movie Genre" mindestens so bedeutsam und wichtig wie BULLITT und TWO-LANE BLACKTOP. 
Text: Le Samourai

Donnerstag, 2. Juni 2011

I Saw The Devil (2010, Dir: Kim Jee-woon)


"Revenge is for movies."
Was filmtechnisch in regelmäßigen Abständen aus Südkorea kommt, ist einfach nur erstaunlich. I SAW THE DEVIL (Orig.: "Akmareul boatda")
, jüngstes Beispiel für den grenzenlos kreativen und eindrucksvollen Output dieses kleinen Landes, ist eine absolute Naturgewalt von Film. Brutal, gnadenlos, zugleich wunderschön fotografiert und absolut herausragend gespielt. "Old Boy" Choi Min-sik wechselt die Seite und wird vom Rachenehmenden zum Gejagten und meistert seine äußerst schwierige, weil Grenzen auslotende Rolle mit Bravour - genau wie sein Gegenpart Byung-hun Lee. Die Inszenierung grenzt an Perfektion und schwächelt zu keiner der 144 spannenden Minuten. Kim Jee-woon ("A Tale of Two Sisters") liefert einen weiteren modernen Meilenstein des südkoreanischen Kinos ab und bildet mit Park Chan-wook und Bong Joon-ho ("Mother", "Memories of Murder") ein Trio Infernale, welches sich jedes europäische Land zur Zeit nur sehnlichst herbeiwünschen kann.
Text: Le Samourai

Dienstag, 31. Mai 2011

Nicht böse sein! (2006, Dir: Wolfgang Reinke)


Berlin-Kreuzberg: Wolfgang, Dieter und Andi sind süchtig, ersterer nach der Flasche, die beiden Anderen nach der Nadel. Ein Dokumentarfilm über Drogenabhängige - nichts neues? Von wegen!
NICHT BÖSE SEIN erhebt erstaunlicherweise nie den Zeigefinger, im Gegenteil. Die Filmemacher inszenieren deutlich im Sinne der drei Protagonisten und geben so dem drogenabhängigen Versager aus der Nachbarschaft ein Gesicht, eine Stimme und ein Leben.
Der Großteil des Films spielt sich in der Bruchbude Wolfgangs ab. Schonungslos beobachtet die Kamera die drei Freunde bei jedem neuen Schuss, bei jeder neuen Flasche, bei jeder Streiterei und hält den tristen und traurigen Alltag fest.
Trotzdem sympathisieren wir mit den drei Anti-Helden dieser No-Budget Produktion, die einerseits tiefes Mitgefühl und Trauer hervorruft, aber gleichzeitig mit einer riesigen Portion Charme und Einfühlsamkeit angereichert ist. So hofft der Zuschauer bei jeder hitzigen und oftmals überraschend tiefgründigen Diskussion über Recht und Unrecht (Wolfgang: „Strafe muss sein, sonst geht es nicht!“), Liebe oder den Tod, dass sich die drei Freunde doch wieder vertragen und sich in ihrer elenden Sucht zumindest gegenseitig Halt geben. Denn die Berliner sind sich ihrer krassen Situation in vollem Maße bewusst, geben aber gleichzeitig frustriert und resignierend zu, ihrem Alltag nicht entrinnen zu können.
Neben der einfachen Abbildung der Drogenabhängigkeit geht NICHT BÖSE SEIN aber auch auf Ursachenforschung und zeigt z.B. Wolfgang intim in Erinnerungen an seine verkorkste Kindheit schwelgend oder Andi treffend analysieren: „Kein Mensch lebt doch gern alleine, aber so zu leben ist auch scheiße!“
Wissenswert: Regisseur Wolfgang Reinke kannte die drei Protagonisten seiner Dokumentation, die 2008 mit dem deutschen Schnittpreis ausgezeichnet wurde, schon lange vorher; sie waren seine Nachbarn. So wird klar, wo diese allgegenwärtige Intimität herrührt, und wertet die enorme zwischenmenschliche Leistung der beiden Filmemacher Reinke/Olivares noch mal auf.
Nur mit privaten Spenden und ihrem eigenen Arbeitslosengeld finanzierten die Freunde ihr Herzensprojekt und wurden erst vor der Post-Produktion mit ein wenig Filmförderung unterstützt. Aus Sicht aller unabhängiger Filmemacher in Deutschland kann ich nur hoffen in Zukunft häufiger von derartigen Projekten zu hören...vielleicht hat der deutsche Film dann ja doch noch eine ernstzunehmende Zukunft.

Text: andyewest88